Apfelsaft als Pleuraerguss

18.04.2024, 13:00

Peter Santer war lange Jahre Primar des Labors im Krankenhaus Bruneck. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge erinnert sich der Brunecker an seine Anfangszeit zurück.

Sein Humor zeichnet ihn aus, das merkt man schon nach den ersten Sätzen im gemeinsamen Gespräch. Auf die Frage, warum er sich für die Labormedizin entschieden hat, als er 1989 im Krankenhaus Bruneck mit der Facharztausbildung begann, antwortet der gebürtige Brunecker lapidar: „Innigetigert – ich wollte mich eigentlich zum Gerichtsmediziner mit Schwerpunkt Forensik ausbilden lassen. Dazu hätte ich aber länger von zu Hause weggehen müssen, das wollte ich nicht, weil meine Eltern damals schon älter waren. Als nächstes entschied ich mich für die Pädiatrie, auch diesen Gedanken habe ich dann fallen gelassen. Die ehemalige Primarin des Labors hat mir dann eine Stelle angeboten – und so kam ich zur Labormedizin.“

Es folgte die Facharztausbildung in Padua und Santer fand Gefallen an der Labormedizin – allerdings fehlte ihm der Patientenkontakt: „Ich habe mich überall zur Verfügung gestellt, wo ich mit Patienten sein konnte, egal, ob es sich um die Blutspender oder die Antikoagulierten handelte.“

Ein besonderes Anliegen war ihm die Blutgerinnung, deshalb „fuchste“ er sich auch in dieses Spezialgebiet hinein. „Für mich gab es nichts Schöneres, als um zwei Uhr nachts wegen einer Blutung – und es musste schon eine starke Blutung sein, sonst hätten sie mich nicht gerufen – aus dem Bett geholt zu werden.“

Zusammen mit den Anästhesisten forschte er, wie starke Blutungen gestoppt werden können. Hätte er einen Zauberstab, so wäre ein Speziallabor zur Blutgerinnung auch sein Traum gewesen. Ansonsten, so Santer, müsse sich Südtirol nicht verstecken. Er erinnert sich an einen Fachkongress in Deutschland, bei dem ihm, wie er sagt, „die Kinnlade oigfollen“ sei, denn die Ausstattung sei dort merklich schlechter gewesen.

Früher sei die Arbeit in einem Labor mit viel mehr Handarbeit verbunden gewesen, heute würden größtenteils Maschinen gewisse Arbeiten übernehmen. Mit einem Augenzwinkern erinnert sich Santer an seine Anfangszeit zurück, als ihm die Kollegen Internisten im Krankenhaus eine angebliche beidseitige Pleuraerguss-Flüssigkeit schickten, die sofort zu analysieren wäre, denn der Patient müsse nach Bozen überstellt werden. Santer schwitzte, etwas stimmte nicht mit dieser Probe. Immer wieder überprüfte er die Flüssigkeit, in der Zwischenzeit fragten die Kollegen nach, ob es denn nicht ein wenig schneller ginge. Nach einer gefühlten Ewigkeit dann die erlösende Antwort von den lachenden Kollegen – es war frisch gepresster Apfelsaft und man wollte dem Labormediziner einen Streich spielen.

Ebenso erfrischend ist das ehrliche Geständnis des Arztes, dass er – obwohl in Bruneck geboren und dort wohnhaft – für die Fahrt zu einem Gasthaus in der Nähe „Google maps“ verwenden musste – „vor lauter Orbeit kenn i mi nit aus in der Stodt!“ Seine erste Rundreise habe er vor ein paar Monaten erlebt, „i hon nit gwisst, dass man von Cortina ins Gadertal kimmp“.

Die Ortskenntnis wird wahrscheinlich steigen, denn schon allein für sein Hobby, welches er nun endlich mit mehr Zeit betreiben kann, ist Ortswechsel angesagt: Santer ist ein Waffennarr – kein Jäger, sondern ein Sammler. Kriegswaffen und -ausrüstung haben es ihm angetan, sogar seine Frau hat er mittlerweile mit dieser Leidenschaft angesteckt. „Ich war schon mal in einem Panzer, jetzt möchte ich mal nach Berlin, denn dort kann man mit einem echten Leopard fahren. Und dann will ich noch unbedingt verschiedene Kriegsmuseen im Ausland besuchen – verschieben sollte man nichts, denn wenn man morgen krank wird, ist’s aus mit der Freid.“

Ansonsten bleibt es beim Alten, auch beim Urlaub: Seit 14 Jahren fährt Santer mit seiner Frau an den gleichen Ort in die Toskana. Das passe so, denn wenn er mal dement sei, dann würde er dort nicht verloren gehen – man sieht, der Humor wird auch in Zukunft den Ton angeben.

Sabine Flarer