„Dann schaltet der Autopilot ein“
Es gibt Nächte, die vergisst man nie: Vor über drei Jahren, im Jänner 2020, starben in Luttach/Ahrntal sieben junge Menschen aus Deutschland durch einen tödlichen Verkehrsunfall. Notärztin Daniela Michelotto war zuerst vor Ort. Wie schafft man es, die Zeit nach so einem Erlebnis zu überwinden und was beschäftigt einen bis heute?
Daniela Michelotto arbeitet seit vielen Jahren als Fachärztin für Anästhesie auch im Bereich der Notfallmedizin und hat gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Was sie jedoch in der bitterkalten Winternacht in den Weihnachtsferien 2019/20 erlebt hat, war selbst für sie als erfahrene Ärztin heftig: „Ich hatte im Brunecker Krankenhaus Nachtdienst, da wurde ich als Notärztin darüber informiert, dass sich ein schwerer Verkehrsunfall in Luttach ereignet hätte. Obwohl auch weitere Notarztmittel von Innichen, Sterzing und Bozen von der Landesnotrufzentrale alarmiert wurden, war mir klar, dass es lange dauern würde, bis diese vor Ort sein würden. Deshalb schlug ich sofort vor, auch meine in Luttach wohnhafte Kollegin, Notärztin Elisabeth Gruber, aus dem Bett zu holen – was die Einsatzkräfte auch machten.“ Die Unfallstelle war unmittelbar vor der Einsatzzentrale des Weißen Kreuzes in Luttach – „wir erhielten dadurch zum Glück sehr schnell qualifizierte Infos“, so Michelotto. Bereits während der Anfahrt zum Notfallort kristallisierte sich die Schwere des Einsatzes heraus, in diesen Fällen greifen die x-mal geübten Kriterien für einen „MANV“ (Massenanfall an Verletzten). Obwohl mittlerweile über drei Jahre vergangen sind und die langjährige Notärztin auch bereits Vorträge über diesen Einsatz gehalten hat, merkt man ihr an, dass es für sie immer noch schwierig ist, darüber zu sprechen: „Als ich ankam und in die ersten Gesichter der Verletzten und Toten blickte, dachte ich einen Sekundenbruchteil – ‚mein Gott, sind die jung!‘, aber ab da nimmt das Gelernte wieder Fahrt auf und es schaltet eine Art Autopilot ein, man triagiert, führt Wiederbelebungsmaßnahmen durch, muss diese aufgeben – man arbeitet wie eine Maschine, das ist auch gut so.“ Wie lange Daniela Michelotto allein als Notärztin vor Ort war, bis Unterstützung kam, kann sie heute nicht mehr sagen, zu verschwommen ist der zeitliche Rahmen – „vielleicht eine halbe Stunde?“
Besonders schlimm, so analysiert Michelotto im Nachhinein die Situation, sei dieses Erlebnis für die teilweisen jungen Rettungskräfte des Weißen Kreuzes und der Feuerwehr gewesen – „manche von ihnen hatten bis dahin noch keinen Todesfall erlebt.“ Trotzdem zollt sie allen Anwesenden großen Respekt, denn die Koordination des Einsatzes habe sehr gut geklappt und man habe gesehen, dass alle gut ausgebildet waren. Denn alles muss reibungslos ablaufen: Patienten müssen identifiziert werden, Zelte und Gerätschaften müssen am richtigen Ort stehen, die Parkplätze für nachkommende Rettungskräfte dürfen nicht zugestellt sein… Alles Dinge, die im Ernstfall mehr als wichtig sind. Einige der jungen Leute, die unverletzt geblieben, aber sichtlich unter Schock waren, wurden sofort von den Sanitätern und den umgehend alarmierten Notfallpsychologen (Koordinator Erwin Steiner und Kollege Andreas Huber) in die Lobby des Hotelgebäudes gebracht: „Es ist wichtig, dass die Menschen Vertrauenspersonen neben sich haben – egal, ob das jemand von den anderen Mitreisenden ist oder aus dem Einsatzteam“, so Steiner. Trotz der Tragik faszinierend war der Umstand, dass die jungen Leute sich gegenseitig trösteten und unterstützten, ein unglaublicher Akt der Solidarität, zu dem Menschen in Extremsituationen fähig sind.
„Als der Einsatz vorbei war, spürte ich auf einmal, dass mir wahnsinnig kalt war“, so Michelotto - etwas, was für den Koordinator der Notfallpsychologie Erwin Steiner absolut normal ist: „Menschen arbeiten oft bis an die Grenzen ihrer Kräfte und merken selbst nicht, dass sie erschöpft sind. Es ist typisch, dass in diesen Situationen keine Wärme, keine Kälte, kein Hunger und kein Durst empfunden wird, sie sind voller Adrenalin – erst später kommen diese Gefühle zurück.“ Für einige Tage danach boten die Kolleginnen und Kollegen Michelotto an, ihre Dienste zu übernehmen, was sie dankbar annahm. „Aber das Angebot der Notfallpsychologen – so dachte ich – bräuchte ich nicht, es war ja nicht mein erster Einsatz als Notärztin.“ Doch mit jeder Stunde, die verging, kamen die Erinnerungen zurück, zudem wandten sich Eltern der verstorbenen jungen Menschen mit der Bitte an sie, ihnen aus den letzten Lebensminuten ihres geliebten Kindes zu erzählen. „Eine sehr schwierige Bitte, doch ich hatte das Gefühl, da musst du jetzt durch, das bist du diesen verzweifelten Eltern schuldig. Ich habe daraufhin das Angebot der Notfallpsychologie angenommen, mich mit ihnen ausgetauscht und wir sind gemeinsam zu diesen Gesprächen gegangen.
Für die meisten Eltern war es verständlicherweise sehr schmerzvoll, aber ich hatte doch das Gefühl, dass ich ihnen ihren Abschied etwas erleichtern konnte“, so Michelotto. Notfallpsychologe Steiner bestätigt dies: „Hier sind klare und vor allem professionell formulierte Worte wichtig. Ausschmückende Formulierungen wie ‚er ist nicht mehr bei uns‘ sind nicht zielführend. Das ist wichtig für die Trauerbewältigung.“ Diese Gespräche waren für Michelotto auch deshalb schwierig, weil sie selbst Mutter eines Sohnes ist, der im gleichen Jahr wie die meisten Todesopfer geboren ist – „ich sagte mir, was wäre, wenn du jetzt auf der anderen Seite bei diesem Gespräch stehen würdest?“ Doch hier half und hilft eine klare Trennung, so Steiner: „Man muss sich immer wieder sagen: Meinen Angehörigen geht es gut, man muss lernen, sich abzugrenzen.“
Am Tag darauf folgte gleich in der Früh eine erste Pressekonferenz, das Thema war sofort in allen Medien – vor allem in Deutschland. Primar Marc Kaufmann, als Verantwortlicher der Notfallmedizin, übernahm die fachliche Kommunikation, worüber die direkt betroffenen Notärztinnen und -ärzte sehr froh waren. „Mir hat vor allem der Austausch mit anderen Kolleginnen und Kollegen sehr geholfen“, so Michelotto. Gemeinsam habe man viel über den Einsatz gesprochen, aber auch auf das anfangs als überflüssig eingeschätzte Angebot der Notfallpsychologie ist Michelotto zurückgekommen: „Heute kann ich nur sagen: Nutzt dieses Angebot für die Aufarbeitung, es ist sehr, sehr wertvoll.“ Notfallpsychologe Steiner verwundert die Erstablehnung nicht, ist sie doch typisch, gerade für Menschen in helfenden Berufen. Auch für ihn selbst war es wichtig, von seinem Team, von der Familie aufgefangen zu werden, sich anderen Dingen zu widmen. „Plötzlich empfindet man alles wieder als kostbar, man sieht die Welt zumindest für eine gewisse Zeit wieder mit anderen Augen.“ Wie schafft man es, nach so einem Erlebnis wieder zum nächsten Notarzt-Einsatz zu starten? Daniela Michelotto: „Erstaunlicherweise gut. Nur manchmal, wenn ich höre, dass vermutet wird, dass ein Großereignis ansteht, dann schießt es mir kurz durch den Kopf ‚Na, bitte nicht wieder‘…“
Sabine Flarer
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Ich war zu diesem Zeitpunkt Zuhause in Innsbruck, wurde von der Landesnotrufzentrale über den Großeinsatz informiert und fuhr dann in den frühen Morgenstunden nach Luttach an die Unfallstelle. Ich erinnere mich, dass ich fast zeitgleich mit Landeshauptmann Arno Kompatscher dort ankam. Zusammen mit ihm und Vertretern der lokalen Einsatzkräfte und Behörden haben wir zuerst die Medien über die schrecklichen Ereignisse der Nacht und den abgeschlossenen Rettungseinsatz informiert. Im Anschluss haben wir mit den Begleitern und Angehörigen der Verletzten und Toten in einem gut abgeschirmten Ambiente gesprochen, auch sie informiert, unser Beileid ausgesprochen und der Landeshauptmann hat ihnen zusätzlich noch die bestmögliche Unterstützung von Seiten des Landes zugesagt. Ich glaube, es war auch wichtig, dass sich die Beteiligten, großteils erschöpfte Einsatzkräfte, in dieser Phase nicht selbst den Medienanfragen stellen mussten und wir sie hier nach ihrer extremen Leistung etwas entlasten konnten. Ein Ereignis dieser Größenordnung war aber selbst für unsere sehr erfahrenen, langjährigen Mitarbeiter in der Landesnotrufzentrale nicht so einfach wegzustecken - auch für sie war es notwendig und wertvoll, den Einsatz mit Hilfe der Notfallpsychologie aufzuarbeiten.

