HIV ist immer noch da
Ab dem 27. November werden Mitarbeiter- innen und Mitarbeiter der Abteilung für Infektionskrankheiten an Bord einer mobilen Klinik des Roten Kreuzes eine Tour mit rund einem Dutzend Stopps in den wichtigsten Zentren des Landes unternehmen, um HIV-Tests durchzuführen.
Anlass für den Start dieser Präventionskampagne ist der Welt-Aids-Tag, der alljährlich am 1. Dezember ausgerufen wird. Mit dieser Kampagne soll das Thema HIV in Südtirol verstärkt in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt werden.
Ein Thema, das in den vergangenen Jahren nicht zuletzt aufgrund der Pandemie vernachlässigt wurde und das wir wieder verstärkt aufgreifen müssen, indem wir uns für mehr Information und Sensibilisierung vor allem junger Menschen einsetzen“, unterstreicht Elke Maria Erne, Primaria der Abteilung für Infektionskrankheiten am Krankenhaus Bozen: „In den letzten Jahren hatten wir zwischen sieben und zehn neue HIV-Fälle pro Jahr. Im Jahr 2023 sind es bis jetzt bereits 17 und das Jahr ist noch nicht zu Ende.“
Diese Tatsache hat den Südtiroler Sanitätsbetrieb in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Roten Kreuz, der Caritas, der Vereinigung Propositiv und Centaurus Arcigay Südtirol dazu veranlasst, eine HIV-Screening-Aktion in Form eines mobilen Ambulatoriums zu starten, die vom 27. November bis zum 2. Dezember in den wichtigsten Zentren Südtirols Halt machen und HIV-Tests durchführen wird.
Die frühzeitige Erkennung des Virus kann entscheidend dazu beitragen, die Lebensqualität der Infizierten zu erhalten und die Ansteckungskette zu unterbrechen. „Die meisten HIV-Positiven sind ‚late presenter‘, das heißt, Menschen, die das Virus seit mindestens zehn Jahren in sich tragen“, erklärt Erne. „Wir entdecken, dass sie HIV haben, weil ihr Immunsystem so geschwächt ist, dass sie an ‚opportunistischen Infektionen‘ leiden, also an Erregern erkranken, die in der Regel nicht aggressiv sind, aber für Menschen mit einer stark geschwächten Immunabwehr sehr heimtückisch sein können. Beispiele dafür sind etwa die zerebrale Toxoplasmose, Tuberkulose oder Pilzerkrankungen, die das Gehirn befallen. Dies geschieht, weil HIV haupt- sächlich CD4-Lymphozyten zerstört, das heißt jene, die an der Immunreaktion beteiligt sind.“
Rechtzeitig erkannt, können die Schäden, die eine HIV-Infektion am Immunsystem verursacht, dank der verfügbaren medikamentösen Therapien stark eingegrenzt werden, unterstreicht die Pri maria: „Dank der neuen Medikamente ist die Lebenserwartung eines HIV-Positiven vergleichbar mit der eines Nicht-Infizierten, da diese die Vermehrung des Virus blockieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass neuere Studien gezeigt haben, dass ein Patient, der seit mehr als sechs Monaten eine antivirale Therapie erhält und bei dem das Virus nicht mehr im Blut nachweisbar ist, nicht mehr ansteckend ist, die Krankheit nicht mehr auf andere Menschen übertragen kann. Das ist das so genannte U=U-Prinzip: Undetectable=Untransmittable. Das heißt nicht nachweisbar gleich nicht übertragbar. Als Alternative zur täglichen Pille gibt es auch die intramuskuläre Injektionstherapie, bei der alle zwei Monate eine Injektion verabreicht wird.“ Das Virus, erklärt Erne, hat „die Fähigkeit, sich im Lymphsystem zu verstecken. Mit den zur Verfügung stehenden Medikamenten, die im Übrigen vom Körper gut vertragen werden, kann seine Ausbreitung im Blut verhindert werden.“ Eine dritte Front im Kampf gegen die Ausbreitung der Infektion ist die Präexpositionsprophylaxe-Therapie (die so genannte PrEP): „Diese besteht darin, prophylaktisch ein HIV-Medikament einzunehmen, sodass im Falle eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus zu infizieren, stark reduziert wird“, erläutert Erne. „PrEP-Kliniken gibt es überall auf der Welt. Unsere befindet sich in der Abteilung für Infektionskrankheiten des Landeskrankenhauses Bozen und ist die einzige in Südtirol.“
In Bezug auf die Prävention betont Erne erneut die Bedeutung einer korrekten Information: „Wir haben die Medikamente, aber wir müssen Prävention betreiben, zurück in die Schulen gehen und die Debatte über HIV anregen. Im Vergleich zur Vergangenheit wurden große Fortschritte erzielt, aber es kann nicht genug betont wer- den, dass es immer noch keine Heilung für AIDS gibt. Derzeit betreut die Abteilung für Infektionskrankheiten in Bozen rund 650 HIV-positive Patienten aus ganz Südtirol.“
Rocco Leo