Gendergerecht dank KI

10.10.2024, 08:00

Die Erkenntnis, dass Frauen und Männer auch medizinisch gesehen unterschiedlich sind und unterschiedlich behandelt werden müssen, setzt sich nur langsam durch. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz soll die Gendermedizin nun einen großen Schritt nach vorne machen.

In der Vergangenheit wurde die Medizin vorwiegend auf Basis männlicher Körper und Gesundheitsdaten weiterentwickelt. So wurden Frauen in klinischen Studien lange Zeit nicht oder kaum berücksichtigt. Dies führte unweigerlich zu einer Verzerrung in der medizinischen Forschung und Praxis.

Diese Geschlechterverzerrung begann sich in den 1980er und 1990er Jahren zu ändern, als die Bedeutung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Medizin zunehmend anerkannt wurde. Forschungen zeigten, dass Frauen andere Symptome bei bestimmten Krankheiten haben können, anders auf Medikamente reagieren und unterschiedliche Krankheitsverläufe aufweisen als Männer. Biologisch unterscheiden sich Frauen und Männer in vielerlei Hinsicht, das hat Auswirkungen auf die medizinische Versorgung und Behandlung. So spielen etwa hormonelle Unterschiede eine bedeutende Rolle. Hormone wie Östrogen und Testosteron beeinflussen nicht nur die Entwicklung des Körpers – was die breite Öffentlichkeit spätestens seit den Olympischen Spielen und der Diskussion um die algerische Boxerin Imane Khelif wahrgenommen hat - sondern auch die Immunantwort, den Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System.

Diese Unterschiede können dazu führen, dass Frauen und Männer verschieden auf Medikamente reagieren oder unterschiedliche Risiken haben, an bestimmten Leiden zu erkranken. So galt etwa der Herzinfarkt lange Zeit als „männliche Krankheit“, da die Symptome bei Frauen oft atypisch und weniger dramatisch sind als bei Männern. Dies führte dazu, dass Herzinfarkte bei Frauen häufig später erkannt und behandelt wurden, was die Sterblichkeitsrate erhöhte.

Allerdings spielen in der Gendermedizin neben den biologischen Unterschieden auch soziale und kulturelle Faktoren eine Rolle. Geschlechtsspezifische Rollenbilder, gesellschaftliche Erwartungen und der Zugang zu Gesundheitsversorgung können das Gesundheitsverhalten und die Krankheitsprävention beeinflussen. So nehmen Frauen zum Beispiel häufiger präventive Gesundheitsangebote wahr und leben tendenziell gesünder. Männer hingegen beteiligen sich etwa an präventiven Screening-Angeboten weniger, sind oft nicht besonders ernährungsbewusst und legen generell ein risikoreicheres Verhalten an den Tag. Auch diese sozialen und kulturellen Unterschiede können Diagnose und Behandlung beeinflussen.

Ein weiterer Aspekt der Gendermedizin ist die geschlechtsspezifische Pharmakologie. Frauen und Männer metabolisieren Medikamente oft unterschiedlich. Das bedeutet, dass Frauen in bestimmten Fällen eine geringere Dosis eines Medikaments benötigen als Männer – oder unter anderen Nebenwirkungen leiden. Auch hier liegt der Grund darin, dass in der Vergangenheit klinische Studien meist an Männern durchgeführt wurden. Dies hatte zur Folge, dass viele Medikamente nicht optimal auf Frauen abgestimmt waren und sind. Tatsächlich wird heute aber verstärkt darauf geachtet, Frauen in klinische Studien einzubeziehen, um die geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Medikamenten zu erforschen.

Bettina Pfleiderer, Leiterin der Arbeitsgruppe Cognition & Gender an der Universität Münster sowie Ärztin am Universitätsklinikum Münster (UKM) und Referentin auf dem 7. Südtiroler Symposium zu Frauen- und Männergesundheit: „Frauen zeigen bei der gleichen Krankheit andere Symptome als Männer, wenn sie krank sind. Das Immunsystem von Frauen kann besser mit Viren umgehen, das ist etwas Biologisches. Das bedeutet, wenn eine Erkältung im Anflug ist, oder ein grippaler Infekt oder tatsächlich die Grippe, dann können Frauen dieses Virus besser abwehren und Männer werden dann tatsächlich stärker krank.
Die ‚Männergrippe‘ ist so gesehen nicht unbedingt eine Erfindung, sondern Männer können tatsächlich stärker erkältet werden. Umgekehrt, wenn man sich die Statistiken anschaut, wer mit Nebenwirkungen von Medikamenten ins Krankenhaus kommt, dann sind das deutlich mehr Frauen. Ein Grund dafür ist sicher der, dass die Dosierung zu hoch ist, weil gar nicht davon ausgegangen wird, dass es da Unterschiede gibt. Oder sagen wir ausging, denn inzwischen werden mehr Frauen in Medikamentenstudien eingeschlossen.“

Gendermedizin und Künstliche Intelligenz

Gendermedizin und Künstliche Intelligenz (KI) sind zwei der innovativsten Felder in der modernen Medizin. Während die Gendermedizin darauf abzielt, die Unterschiede in der Gesundheit und im Krankheitsverlauf von Frauen und Männern besser zu verstehen und zu berücksichtigen, bietet die KI das Potenzial, große Datenmengen schnell zu analysieren und Muster zu erkennen, die für personalisierte Medizin unerlässlich sind. Die Kombination dieser beiden Disziplinen eröffnet neue Möglichkeiten für eine präzisere, effizientere und gerechtere Gesundheitsversorgung.
Fachleute sind sich einig, dass Künstliche Intelligenz das Potenzial hat, die Medizin zu revolutionieren, indem sie komplexe Datenmuster erkennt, die für Menschen schwer zu erfassen sind. KI-Algorithmen können große Mengen an medizinischen Daten, wie elektronische Gesundheitsakten, Bildgebungsdaten und genetische Informationen, analysieren und daraus wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Die KI kann selbstständig aus Daten lernen und so Vorhersagen und Empfehlungen kontinuierlich verbessern.
Die Integration von Gendermedizin und KI bietet vielversprechende Möglichkeiten, die Unterschiede der Gesundheit von Männern und Frauen noch genauer zu analysieren und zu berücksichtigen. KI kann dabei helfen, geschlechtsspezifische Muster in großen Datensätzen zu identifizieren, die bisher unentdeckt geblieben sind. Zum Beispiel könnten Algorithmen entwickelt werden, welche die Symptome von Herzkrankheiten bei Frauen und Männern differenziert analysieren und entsprechend spezifische Diagnose- und Behandlungsempfehlungen geben.

Durch die Analyse großer medizinischer Datenmengen kann KI geschlechtsspezifische Unterschiede in der Krankheitsentstehung und im Krankheitsverlauf identifizieren. Dies könnte dazu beitragen, bessere Vorhersagemodelle für die Risikobewertung zu entwickeln, die das Geschlecht als wichtigen Faktor berücksichtigen. In der Onkologie könnten beispielsweise KI-gestützte Modelle helfen, geschlechtsspezifische Unterschiede beim Ansprechen auf bestimmte Therapien zu identifizieren und so personalisierte Behandlungsstrategien entwickeln.

Klinische Studien könnten durch den Einsatz von KI und gendermedizinischen Erkenntnissen optimiert werden. KI kann dabei helfen, die Zusammensetzung der Studienteilnehmer hinsichtlich Geschlechts, Alters und anderen relevanten Faktoren besser auszubalancieren, um repräsentativere und aussagekräftigere Ergebnisse zu erzielen. Außerdem könnten KIgestützte Analysen dazu beitragen, geschlechtsspezifische Nebenwirkungen von Medikamenten frühzeitig zu erkennen und somit die Sicherheit und Wirksamkeit von Therapien zu verbessern.

KI könnte die Entwicklung individueller Therapien beschleunigen, indem sie gendermedizinische Erkenntnisse in die Analyse von Patientendaten integriert. Durch die Kombination von genetischen Informationen, klinischen Daten und geschlechtsspezifischen Erkenntnissen könnten mithilfe von KI personalisierte Behandlungspläne erstellt werden, welche die spezifischen Bedürfnisse von Männern und Frauen berücksichtigen. Beispielsweise könnten Algorithmen entwickelt werden, die auf Basis von Geschlecht, genetischer Veranlagung und anderen Faktoren die optimale Medikamentendosierung für den einzelnen Patienten berechnen.

Herausforderungen und ethische Überlegungen

Trotz der vielversprechenden Möglichkeiten gibt es auch Herausforderungen bei der Integration von Gendermedizin und KI. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, sicherzustellen, dass die Algorithmen frei von Bias – also Ergebnisverzerrungen – sind. Wenn KI-Modelle auf Daten trainiert werden, die nicht repräsentativ sind, können sie falsche Ergebnisse verstärken und Ungleichheiten in der medizinischen Versorgung verschärfen. Beispielsweise könnte ein Algorithmus, der auf einer Datenbasis trainiert wurde, die überwiegend aus männlichen Probanden besteht, falsche Schlüsse ziehen, wenn er auf weibliche Patienten angewandt wird.

Ein weiteres Problemfeld ist der Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre. Da KI auf großen Mengen persönlicher Daten basiert, ist es wichtig, dass diese Daten sicher und anonymisiert verarbeitet werden, um die Privatsphäre der Patienten zu schützen. Zudem muss gewährleistet sein, dass Patienten die Kontrolle über ihre Daten behalten und informierte Entscheidungen darüber treffen können, wie ihre Daten verwendet werden.

Zukunftsaussichten

Die Zukunft der Gendermedizin in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz verspricht eine noch präzisere und individualisiertere Gesundheitsversorgung. Die Forschung in diesem Bereich könnte dazu führen, dass Krankheiten in Zukunft nicht nur geschlechtsspezifisch, sondern auch auf der Basis anderer individueller Faktoren wie Genetik und Lebensstil behandelt werden. Dies würde eine maßgeschneiderte Medizin ermöglichen, die auf die spezifischen Bedürfnisse jedes Einzelnen abgestimmt ist. Eine weitere spannende Entwicklung ist die Möglichkeit, dass KI in Echtzeit medizinische Entscheidungen unterstützt, indem sie kontinuierlich Daten über den Gesundheitszustand von Patienten analysiert und personalisierte Empfehlungen gibt. Dies könnte insbesondere in der Präventivmedizin Fortschritte bringen, indem Risiken frühzeitig erkannt und gezielte Maßnahmen ergriffen werden, bevor sich Krankheiten manifestieren.

Die Integration von Gendermedizin und Künstlicher Intelligenz scheint eine vielversprechende Perspektive für die Zukunft der personalisierten Medizin zu bieten. Durch die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede und die Nutzung der jetzt zur Verfügung stehenden Rechenleistung und Lernfähigkeit von KI können neue Wege in der Diagnose, Behandlung und Prävention von Krankheiten beschritten werden. Es ist jedoch wichtig, die ethischen Herausforderungen zu bewältigen und sicherzustellen, dass diese Technologien auf eine Weise eingesetzt werden, die die medizinische Versorgung für alle Menschen verbessert und gleichzeitig Gerechtigkeit und Datenschutz gewährleistet.

Denn wie Clemens Heitzinger, Referent auf dem Symposium in Brixen und Associate Professor Research Unit Machine Learning Institute of Information Systems Engineering Department of Informatics (Computer Science) an der Technischen Universität Wien, feststellt: „Bereits mit heutigem Stand der Technik lässt sich künstliche Intelligenz mit Erfolg in der klinischen Praxis einsetzen – doch eine gesellschaftliche Diskussion über die Rahmenbedingungen dafür und klare juristische Regeln sind noch dringend nötig.“

Trotz der Fortschritte in der Gendermedizin gibt es noch viele Herausforderungen. Nach wie vor besteht eine Unterrepräsentation von Frauen in vielen Bereichen der medizinischen Forschung. Zudem gibt es noch immer Lücken im Verständnis darüber, wie genau Geschlecht und Gender Gesundheit beeinflussen. Auch die Implementierung von gendermedizinischen Erkenntnissen in die klinische Praxis ist noch nicht überall Standard. Eine weitere Herausforderung besteht darin, intersektionale Faktoren wie Ethnizität, sozioökonomischen Status und Alter in die gendermedizinische Forschung einzubeziehen. Diese Faktoren können die gesundheitlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern weiter verstärken oder verändern.

Die Gendermedizin ist ein wesentlicher Fortschritt auf dem Weg zu einer individuelleren und gerechteren medizinischen Versorgung. Sie trägt dazu bei, die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Gesundheit besser zu verstehen und in der klinischen Praxis zu berücksichtigen. Indem die Medizin auf die spezifischen Bedürfnisse und Risiken von Frauen und Männern eingeht, kann die Gesundheitsversorgung insgesamt verbessert und die Lebensqualität der Menschen gesteigert werden.

Peter A. Seebacher

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Was ist Gendermedizin?

Gendermedizin wird auch als geschlechtersensible oder geschlechterspezifische Medizin bezeichnet. Sie befasst sich mit den gesundheitlichen Unterschieden beim Krankheitsverlauf von Frauen und Männern. Diese Unterschiede beruhen nicht nur auf unterschiedlichen biologischen Faktoren, sondern entstehen auch durch unterschiedliche soziale und kulturelle Einflüsse, die das Gesundheitsverhalten und die medizinische Versorgung prägen.

Ziel der Gendermedizin ist es, eine bessere und individuellere medizinische Versorgung zu ermöglichen, indem die spezifischen Bedürfnisse und Risiken von Frauen und Männern berücksichtigt werden. Die Gendermedizin untersucht die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Biologie, Physiologie und Krankheitsanfälligkeit von Männern und Frauen. Diese Unterschiede sind oft subtil, aber sie können erhebliche Auswirkungen auf die Diagnose, Behandlung und Prävention von Krankheiten haben. Beispielsweise unterscheiden sich die Symptome eines Herzinfarkts bei Frauen oft von denen bei Männern, was in der Vergangenheit dazu führte, dass Herzinfarkte bei Frauen häufiger übersehen wurden. Die Gendermedizin zielt darauf ab, solche Unterschiede systematisch zu erfassen und in die medizinische Praxis zu integrieren.

Symposium Genderhealth, Gendermedicine

Beim 7. Südtiroler Symposium zu Frauen- und Männergesundheit am 11. Oktober in Brixen ging es um Gendermedizin und Künstliche Intelligenz (KI).

Es referierten Fachleute aus dem In- und Ausland zu Themen wie „Anwendung von künstlicher Intelligenz in der Intensivmedizin – eine Chance für eine gendergerechte Intensivmedizin?“ (Clemens Heitzinger, Associate Prof. Dr. techn. Dipl.-Ing. Machine Learning Technische Universität Wien) oder „Diskriminierung der Geschlechter in der digitalen Gesundheit – künstliche Intelligenz zur Optimierung von Vorteilen und zur Risikoreduktion pharmakologischer Therapien: Herausforderungen und Chancen.“ (Stefania Nobili, Forscherin in Pharmakologie – Fakultät Neurowissenschaft, Psychologie, Pharmakologie und Gesundheit des Kindes – Universität Florenz). Eingeladen zum Symposium, bei dem die Referenten zum Teil über das Internet zugeschaltet wurden, waren alle interessierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Studierende von Gesundheitsberufen.