„Ich würde mich wieder für die Pflege entscheiden“

30.10.2025, 08:00

Ein Gespräch mit Pflegedirektorin Marianne Siller über ihren Weg zur Krankenpflegerin, die aktuellen Herausforderungen und die Zukunft der Pflege im Südtiroler Sanitätsbetrieb.

Marianne Siller (Foto: Vera Schindler)
Marianne Siller (Foto: Vera Schindler)

Wann haben Sie beschlossen, den Pflegeberuf zu ergreifen?
Das war kurz vor meiner Maturaprüfung. Eigentlich wollte ich Medizin studieren, aber leider waren dafür die finanziellen Mittel nicht vorhanden. Dass ich etwas im Gesundheitsbereich machen möchte, war für mich aber klar. Ich stand also vor der Frage, wie ich weitermachen sollte: Mache ich Logopädie oder Krankenpflege? Der Studiengang Logopädie wurde damals nur alle zwei-drei Jahre angeboten und war bereits ein Jahr zuvor gestartet, also habe ich mich für die Pflege entschieden.

Hat es auf Ihrem beruflichen Weg jemanden gegeben, der Sie besonders geprägt hat?
In meinem Berufsleben hat es mehrere Menschen gegeben, die für mich im übertragenen Sinne eine Art Leuchttürme waren, bei denen ich immer wieder Orientierung gefunden habe. Angefangen in der Abteilung Urologie, als ich dort begonnen habe zu arbeiten, mit der damaligen Stationsleitung Gabriella Girardi. Dann war da die Pflegedienstleitung im Krankenhaus Bozen mit Luisa Prossliner und Thea Villgrattner. Auch die Zusammenarbeit mit Maria Mischo-Kelling war für mich prägend, ebenso jene mit meinem Vorgänger in der Rolle des Pflegedirektors, Robert Peer. Allesamt Personen, die zum einen Vorbilder für mich waren und mir zum anderen immer mit Rat und Tat zur Seite standen und mich darin unterstützt haben, meinen eigenen Weg zu finden.

Sie sind im Sudtiroler Sanitätsbetrieb verantwortlich für den gesamten, Prävention-, Pflege-, sanitätstechnischen und Rehabilitationsbereich. Was bedeutet das für Sie?
Nun, ich bin im Pflegebereich groß geworden, das ist also ein Bereich, den ich gut kenne und der auch viele Schnittstellen zum Präventions-, sanitätstechnischen und Rehabilitationsbereich hat. Im Hinblick auf die Patientenversorgung stellt dies noch einmal ganz interessante Zusammenhänge und Herausforderungen dar, die nie Langeweile aufkommen lassen. Die Aufgabe ist sehr abwechslungsreich. Wenn immer wieder von Interprofessionalität gesprochen wird und die Zusammenarbeit zwischen Pflege, Verwaltung und ärztlichem Bereich betont wird, muss ich sagen, dass bereits innerhalb des Pflegebereichs Interprofessionalität besteht. Immerhin sprechen wir von über 20 verschiedenen Berufsgruppen, deren unterschiedlichsten Anforderungen man gerecht werden muss.

Ist es da nicht schwierig, überhaupt den Überblick zu behalten? Haben Sie dafür ein besonderes Konzept?
Wir haben regelmäßig Sitzungen auf Direktionsebene, wöchentliche Sitzungen mit meinen Stabsstellen, bei denen über die laufenden Projekte berichtet wird, wöchentliche Sitzungen mit den koordinierenden Pflegedienstleitenden. Alle drei Monate gibt es einen Plan-Ist-Vergleich mit allen Pflegedienstleitenden und Stabstellen sowie einen Austausch mit den Koordinatorinnen und Koordinatoren. Außerdem glaube ich, dass ich eine sehr nahbare Pflegedirektorin bin, die jederzeit erreichbar ist. Wenn es irgendwo ein Problem oder eine Herausforderung gibt, wissen meine Kolleginnen und Kollegen, dass sie mich kontaktieren können.

Werden Sie da nicht mit Anfragen überhäuft? Immerhin arbeiten in Ihrem Bereich rund 6.000 Personen.
Ich muss sagen, die Leute sind sehr diszipliniert und die Hierarchieebenen werden eingehalten. So werden viele Sachen bereits dort gelöst, wo auch die tatsächlichen Zuständigkeiten liegen. Wenn das nicht möglich ist, dann ist es gut, dass diese auch direkt zu mir kommen.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit anderen Bereichen, sprich mit Sanitäts- und Verwaltungsdirektion?
Es ist immer wieder spannend. Seit 2017, als ich Pflegedirektorin wurde, hat es ja immer wieder personelle Wechsel gegeben. Es hieß also immer wieder den roten Faden aufnehmen, immer wieder persönliches Kennenlernen und neu Ausrichten. Schauen, was ist mir wichtig, was ist dem oder der anderen wichtig, auf welche Projekte legt das Gegenüber besonderen Wert, was möchte das Gesundheitsressort. Das alles galt und gilt es zu berücksichtigen und dann gemeinsam weiterzubringen.

Wie würden Sie den Begriff einer „guten Pflege“ definieren?
Zum einen heißt das Patientenorientierung, dass man in der Lage ist, zu verstehen, was der Patient oder die Patientin braucht. Dazu sind auf der einen Seite methodische und fachliche Kompetenz notwendig und auf der anderen Seite auch persönliche und soziale Kompetenz. Ich denke, das Zusammenspiel von persönlicher Kompetenz, sozialer Kompetenz und fachlich-technischer Kompetenz und das auf den Patienten oder die Patientin auszurichten, ergibt die Professionalität – und ist eine Kunst. Meistens ist es in der Pflege ja so, dass man weiß, wie ein Tag anfängt, aber nicht, wie er aufhören wird. Das ist bei mir in der Direktion nicht anders als draußen in den Abteilungen, im Sprengel oder in anderen Bereichen. Sich einen kühlen Kopf bewahren, nicht überfordern zu lassen und dabei immer die Patienten und Patientinnen im Auge zu behalten, hat nicht nur etwas mit Professionalität zu tun, sondern ist in meinen Augen ein Stück weit auch eine Kunst.

In den Medien taucht oft der Begriff Pflegenotstand auf – wie sehen Sie die Situation? Was wurden Sie zu einem jungen Menschen sagen, der sagt: Pflegebereich? Auf keinen Fall mochte ich dort arbeiten!
Ich denke, dass das ein Phänomen unserer Zeit und der sozialen Medien ist, dass immer die Extreme am meisten wahrgenommen werden. Also die, die unzufrieden sind, die aggressiv auftreten, werden übermäßig und verstärkt wahrgenommen. Dem muss man Rechnung tragen und es richtig einordnen. Ich persönlich würde mich heute genauso für den Pflegebereich entscheiden, wie ich es vor Jahrzehnten getan habe und kann junge Menschen nur ermutigen, ebenfalls diesen Weg zu gehen. Keine Generation vor uns musste über 40 Jahre arbeiten bis zur Pensionierung. 40 Jahre immer im gleichen Bereich zu arbeiten, ist schwierig. Die Pflege bietet jede Menge Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und in verschiedenen Bereichen tätig zu sein. Ich kann entscheiden, ob ich lieber im Krankenhaus oder in der häuslichen Pflege arbeite, ob ich lieber mit Müttern und Kindern arbeiten möchte oder lieber im chirurgischen, internistischen, geriatrischen Bereich. Oder in einem etwas technischeren Bereich wie der Dialyse oder dem OP. Man kann in der Lehre tätig sein oder einen Führungsauftrag anstreben oder auch in der Forschung arbeiten. Es gibt also sehr viele Möglichkeiten. Ich glaube, dass es wenig andere Berufsbereiche gibt, die eine derartige Vielfalt an Entfaltungsmöglichkeiten bieten wie die Pflege.

Sie sind seit 2017 Pflegedirektorin, welches war bisher die größte Herausforderung in dieser Rolle?
Die größte berufliche Herausforderung war, mich immer wieder auf neue Konstellationen und Personen innerhalb der Direktion des Betriebes und des Ressorts einzustellen und die Zusammenarbeit immer wieder neu zu definieren. Die Zeit der Pandemie war auch eine besondere Herausforderung, sei es auf Managementebene als auch auf persönlicher Ebene. Lockdown, abgeschottete Krankenhäuser und Patientinnen und Patienten – das alles war eine große Herausforderung. Dazu dann noch die Impfthematik, durch die wir einige wichtige Mitarbeitende verloren haben. Das alles war tatsächlich eine große Herausforderung.

Was möchten Sie in Ihrer Rolle als Pflegedirektorin noch unbedingt umsetzen? Welche sind Ihre langfristigen Ziele?
Nun, eine Person allein kann ja eigentlich nicht viel erreichen. Wir haben uns für den Pflegedirektionsbereich mit den koordinierenden Pflegedienstleitern und den Stabsstellen das Ziel gesetzt, schrittweise das Thema Relationship based Care umzusetzen. Für mich heißt das: Wie können wir es schaffen, berufliche, aber auch persönliche Beziehungen zu nutzen, um ein gesundheitsförderndes und heilsames Ambiente in diesem Betrieb zu schaffen – natürlich für Patienten und Patientinnen samt Angehörigen, aber auch für die Mitarbeitenden. Denn ein Betrieb kann nur mit gesunden Mitarbeitenden funktionieren. Der neue deontologische Kodex für Krankenpflegerinnen und -pfleger trägt diesem auch Rechnung und formuliert den Auftrag „prendersi cura, di chi cura“, als sich um die kümmern, die sich um andere kümmern. Und das ist tatsächlich mein Credo, das ich zusammen mit meiner Führungsfrau- und mannschaft umsetzen möchte. Ich fühle mich da auch noch sehr mit den Koordinatorinnen und Koordinatoren verbunden und möchte mit ihnen daran arbeiten. Wir machen das eigentlich bereits seit mehreren Jahren – auch im Hinblick auf die neuen Generationen, die jetzt nachkommen und die zum Teil neue Vorstellungen davon haben, wie sie ihr Arbeitsleben gestalten möchten.

Wo nehmen Sie Ihre Motivation für die täglichen Herausforderungen her?
(Lacht) Mein Gefühl ist, dass ich eine mehr als sinnvolle Tätigkeit ausübe. Eine Gesellschaft braucht gesunde Menschen, denn ohne die gibt es keine Innovation, keine Entwicklung und dementsprechend glaube ich, mein Tätigkeitsfeld gefunden zu haben. Und dieses Bewusstsein ist sehr motivierend. Ich bin aber nicht Superwoman und brauche meine Auszeit, meinen Urlaub. Zeit, um in der Natur zu sein. Ich bin durchaus ein Mensch, der gerne in Gesellschaft ist, aber manchmal bin ich auch froh, wenn ich abends die Tür meiner Wohnung hinter mir schließen kann und mir nur mehr meine zwei Katzen Gesellschaft leisten.

Da erübrigt sich meine letzte Frage fast: Sofa oder Bergtour?
Natürlich Bergtour!

Peter A. Seebacher