Patientensicherheit bedeutet auch Mitarbeitersicherheit
2017 wurde die Organisationseinheit für die klinische Führung im Sanitätsbetrieb mit dem Landesgesetz Nr. 3 vorgesehen, eine der wichtigsten Tätigkeiten dieser ist das klinische Risk-Management. Der geschäftsführende Direktor, Facharzt Oliver Neeb, erklärt, um welche Handlungsfelder es dabei geht.
Die Definition klingt vielleicht etwas sperrig, zeigt aber, dass das Leitmotiv die gute Versorgung ist: „Klinische Führung oder Clinical Governance steht für kontinuierliche Verbesserung der Dienstleistungen und Garantie hoher Standards der Versorgungsleistung, um optimale Bedingungen für die Förderung klinischer Exzellenz zu schaffen“, so Oliver Neeb. Qualität, Effizienz, Angemessenheit, Akkreditierung, Prozess-, Dokumenten- und Risikomanagement sind wichtige Themen, bei denen der Dienst die Betriebsdirektion unterstützt und dabei technisch sehr eng mit der Sanitäts- und Pflegedirektion zusammenarbeitet. Er selbst bekleidet gleich zwei Rollen: Zum einen ist er als geschäftsführender Direktor des Dienstes für klinische Führung bestellt, zum anderen ist er als betrieblicher Risk-Manager tätig. „Risk-Management ist ein wichtiger Teil der klinischen Führung, aber eben auch nur ein Teil. Risikoerkennung und -einschätzung, Management von Maßnahmen zur Risikoreduzierung, Kontrolle des Restrisikos und periodische Überprüfung der getroffenen Verbesserungsmaßnahmen stellen den logischen Kreislauf eines Risk-Managements-Ansatzes dar“, erklärt Neeb.
Das Team der klinischen Führung kann sich ein wenig mit dem Meisterdetektiv Sherlock Holmes vergleichen: „Wir detektieren Ereignisse, wir schauen uns Daten und Meldungen an und versuchen dann, in wöchentlich stattfindenden ‚Safety boards‘ eventuelle Lösungs- beziehungsweise Verbesserungsansätze auszuarbeiten“, so Neeb. Konkret heißt das zum Beispiel, dass eine Meldung, dass ein Medikament mit einer Beschriftung in einer fremden Sprache im Umlauf ist – Oliver Neeb und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter analysieren den Fall: Wie konnte es dazu kommen? Welche Lösungsansätze gibt es? Reicht es, ein neues Etikett auf das alte zu kleben? Ist damit das Problem gelöst, auch für die Zukunft? Besonders wichtig ist Neeb hierbei der Grundsatz, dass alles, was in den Bezirken gemacht werden kann, auch dort bleiben soll: „Wenn jemand eine gute Lösung in einem Bezirk hat, dann sollte diese auch weiterverwendet werden. Manchmal ist es sinnvoll, die Handhabung eines Prozesses, der sich gut etabliert hat, auch auf andere Bezirke auszudehnen, manchmal auch nicht – es wäre ein Nonsens, wenn man etwas, das gut funktioniert, abstellen würde.“
Ein anderes Beispiel, von dem Neeb erzählt, betrifft die Mitarbeitersicherheit: Verlust einer gefährlichen Flüssigkeit bei einem Medizinprodukt mit Exposition, das Risk-Team suchte mit den zuständigen Fachleuten nach Lösungen und fand sie darin, dass das Produkt mithilfe einer anderen Technik gehandhabt wird. Denn Mitarbeitersicherheit bedeutet immer auch Patientensicherheit – und umgekehrt, alles, was dem Patienten an qualitativer Verbesserung zugutekommt, schützt auch das Personal.
Oder aber das Problem mit der Tür: Nach einer Schadenersatzforderung wegen eines vermeintlich risikoreichen Öffnungsmodus einer Schiebetür – eine Besucherin hatte sich das Handgelenk gebrochen – wurde ein Lokalaugenschein veranlasst, der Türsensor mithilfe der technischen Abteilung ausgetauscht und sensibler eingestellt. „Oft kristallisieren sich Defizite heraus, die relativ einfach behoben werden können. Wird hingegen nichts unternommen, kann sich daraus eine ernste Sache entwickeln“, so Neeb.
Um den Überblick zu behalten und zeitnahe agieren zu können, ist es wichtig, dass zum Beispiel Beschwerden, Schadenersatzforderungen, Sentinel Events oder andere Meldungen über das „Incident Reporting System“ (IRS) abgeglichen werden. Ein anfänglich unerwünschtes Ereignis kann als einfache Beschwerde starten, sich zu einer Schadenersatzforderung entwickeln und gleichzeitig eine gesetzlich vorgesehene Analyse im Sinne eines Sentinel Events oder einer Pharmako- oder Medizinprodukte-Vigilanz bedingen. „Allesamt Themen, die für den Betrieb in mehrerlei Hinsicht unangenehm sind: Zum einen leidet immer auch das Image darunter, zum anderen ist ein eventueller Schadenersatz versicherungstechnisch relevant“, erklärt Neeb
Dass sich bei der letzten Versicherungsausschreibung gleich fünf internationale Player gemeldet haben, ist ein sehr gutes Zeichen: „Nur wer wirklich schwarz auf weiß belegen kann, dass sehr viel unternommen wird, um Qualität und Sicherheit zu garantieren und weiter zu optimieren, ist für den Versicherungsmarkt interessant. Deshalb sind auch Zertifizierungen und Akkreditierungen durch neutrale Instanzen enorm wichtig. Mit Stolz kann ich sagen, dass es uns als einzigen Sanitätsbetrieb in Italien gelungen ist, eine Polizze ohne Selbstbehalt abzuschließen“.
Ein Beispiel einer freiwilligen Zertifizierung ist die Auszeichnung von „Phoenix 5.0“, einem breit anerkannten Referenzsystem für das Management von Gesundheitsrisiken, die mit einer Art „Risikofotografie“ des Betriebes startete. Dazu wurde die renommierte Universität „LUISS“ (Libera Università degli Studi sociali) in Rom mit ins Boot geholt. Vor einigen Wochen wurde dem Südtiroler Sanitätsbetrieb als ersten Sanitätsbetrieb in Italien die Auszeichnung verliehen. Ganz im Sinne dieses Risikomanagementsystems wurden 54 Personen aus dem klinischen Bereich zu Referentinnen und Referenten für Risk-Management ausgebildet, welche vor allem in den Abteilungen und Diensten mit dem Dienst zusammen agieren werden. „Es ist wichtig, dass wir kapillar aufgestellt sind“
Bereits jetzt wird an der Erreichung der zweiten Zertifizierungsstufe gearbeitet, welche noch höhere Anforderungen an den Betrieb stellt. Noch umfangreicher ist die angestrebte Zertifizierung „Accreditation Canada“, diese betrifft noch mehr Bereiche und stellt Anforderungen auch an die wohnortnahe Betreuung. „Diese Zertifizierung werden wir, wenn alles gut läuft, im Frühjahr nächsten Jahres erhalten“, so Neeb. Neeb appelliert an eine Kulturänderung: „Wir müssen zu Sicherheitsthemen sensibilisieren, die Devise muss sein:‚no blame, no shame‘, also keine Angst vor Scham oder Blamage bei Meldung eines Ereignisses. Dabei sind auch die so genannten ‚near misses‘, also Beinaheunfälle (83 gemeldete Fälle im Jahr 2022) als ‚Gratislektion‘ für Verbesserungsmaßnahmen wichtig.“
Melden kann man sich auf unterschiedliche Weise: bei den Referenten für Risk-Management, den Qualitätsreferenten, den CIRS-Beauftragten, den Risk-Managern der Krankenhäuser und beim Dienst für klinische Führung. Im Intranet unter dem Bereich Quality&Risk-Management kann jeder, auf Wunsch auch anonym, ein Problem oder einen Vorfall ins so genannte IRS-Meldesystem eingeben. Dieser Bereich wird zurzeit vollkommen neu gestaltet: Es wird an der Implementierung einer neuen Risikomanagementsoftware gearbeitet, die das alte überholte und zu langsame System bis Frühjahr 2024 ersetzen wird. Es handelt sich um eine innovative Lösung mit einer Kombination aus unterschiedlichen Modulen, die Meldungen aus verschiedenen Bereichen wie etwa Beschwerden, Stürze, Schadenersatzforderungen und Incident Reporting ermöglicht und ein professionelles Audit- und Maßnahmenmanagement erlaubt. „Wichtige Problemstellungen werden zudem im betrieblichen Komitee für Risk-Management behandelt, sollten Entscheidungen auf Betriebsebene beispielsweise für den Ankauf neuer Technologien notwendig sein, so werden diese dort vorgebracht“, so Neeb. In einem jährlichen Bericht, dem so genannten Gelli-Report, werden alle Vorfälle nochmals zusammengefasst veröffentlicht und den Verantwortlichen, auch in den Primar- und Koordinatorensitzungen, vorgestellt. Besonders stolz ist der geschäftsführende Direktor auf sein Team: „Wir sind fachlich sehr gut aufgestellt und haben ein interdisziplinäres Team aus allen Bezirken. Neben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Dienstes in den Bezirken, die erste Ansprechpartner/innen vor Ort sind, wurden in Absprache mit den Direktionen zudem 16 Ärzte und Ärztinnen in den Häusern namhaft gemacht, die bei der CIRS-Fallanalyse und bei Sentinel-Event-Analysen mitarbeiten und das Ärztenetzwerk für Risk-Manage- ment des Betriebes bilden.
Konkret besteht unser Team auf strategisch-betrieblicher Ebene am Dienstsitz in Bozen aus dem Verantwortlichen für das Risk-Management (Oliver Neeb), dem Quality & Patient Safety Manager (Sandra Girardi), dem Quality & Process Manager (derzeit vakant), dem Quality & Document System Manager (Evelyn Gruber Fischnaller), dem Quality & Accreditation Manager (Milena Cattelan) sowie dem Verantwortlichen für das Antimicrobial Stewardship (Leonardo Pagani), zwei weitere ärztliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden uns demnächst verstärken. Zusätzlich unterstützen uns zwei Verwaltungsfachkräfte. In den operativen Dienstsitzen in Bozen, Brixen, Bruneck und Meran stellen die Referentinnen und Referenten für Qualität der klinischen Führung die wichtige Stellschraube zu den lokalen Stakeholdern dar.“
Für Oliver Neeb ist eines grundlegend: „Qualität braucht Sichtbarkeit: Wir gehen in die Abteilungen/Dienste, in Primar- und Koordinatorensitzungen, wir versuchen immer wieder zu informieren. Denn es sollte für alle selbstverständlich sein, sich zu melden, wenn Zwischenfälle oder Beinahe-Unfälle passieren. Wir sehen uns als Dienst im Dienste der anderen und ich kann nur immer wieder betonen, wie wichtig es ist, Qualitätsverbesserungen anzustreben.“ „Nichts gehört“ bedeute nicht unbedingt, dass kein Verbesserungspotenzial bestehe - wo Stille herrsche, so Oliver Neeb, sei oft mit Gefahr in Verzug zu rechnen.
Sabine Flarer


