Ein Studiengang für Südtirol
Horand Meier ist ärztlicher Koordinator der Operativen Einheit für klinische Führung des Landes Südtirol und koordiniert in dieser Funktion gemeinsam mit den zuständigen Stellen der Universität Cattolica auch den Aufbau des Medizinstudienganges in Südtirol. one hat nachgefragt, wo das Projekt steht und was noch fehlt.
Herr Meier, das Auswahlverfahren für das Medizinstudium in Südtirol ist abgeschlossen, wie ist der aktuelle Stand?
Horand Meier: Insgesamt sind 60 Studienplätze ausgewiesen, davon sind 50 für Studierende aus der EU oder gleichgestellten Ländern reserviert, weitere 10 sind für Studierende aus Nicht-EU Ländern vorgesehen.
Wie groß ist das Interesse am ersten Medizinstudiengang in Südtirol?
Es haben 1.100 Personen ihr Interesse bekundet, 443 Personen haben dann die geforderte Testgebühr von 200Euro bezahlt. Letztendlich sind dann 347 Personen zum Test angetreten. Dieses große Interesse war für alle Beteiligten erstmal eine positive Überraschung – auch für die Vertreter der Universität Cattolica. Von den 50 Erstgereihten aus der EU-Quote, die den Eingangstest bestanden haben, sind 16 mit Wohnsitz in Südtirol und 9 haben ihren Wohnsitz im Trentino. 25 Personen, die den Eingangstest bestanden haben und voraussichtlich das Medizinstudium in Südtirol beginnen werden, stammen also aus der Region. Grundsätzlich muss gesagt werden: Der Medizinstudiengang ist nicht als Studiengang für Südtirolerinnen und Südtiroler gedacht, sondern als Studiengang für Südtirol. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied. Das heißt, es sollen sich alle angesprochen fühlen, die in Südtirol zunächst studieren und dann arbeiten möchten.
Die Studentinnen und Studenten, die zugelassen sind, stehen also fest?
Nun, um sich die Immatrikulation oder den Platz zu sichern, gibt es verschiedene Schritte. Der erste Schritt ist, dass man innerhalb 10. Juni die erste Quote bezahlen musste. Das sind 4.000 Euro. Damit konnte man sich den Studienplatz erst einmal sichern. Die Frist für die definitive Immatrikulation läuft vom 1. Juli bis 6. September. Für diese definitive Einschreibung muss ein Sprachzertifikat für Englisch für das Niveau B2 vorgewiesen werden, ansonsten verfällt die Berechtigung auf den Studienplatz. Das bedeutet, dass sich bis zum Ablaufen dieser Frist die Rangordnung noch verändern kann. Die Antwort auf die Frage heißt also: Nein, definitiv stehen die zum Medizinstudium in Bozen zugelassenen Personen noch nicht fest, weil ja manche noch wegfallen und andere nachrücken können. Die Vorlesungen gehen auf jeden Fall Ende September, Anfang Oktober los.
Die Kosten sind generell ein Thema, wenn vom Medizinstudium in Südtirol die Rede ist. Müssen die Studenten die genannten 4.000 Euro vorschießen?
Ja, eine andere Lösung konnte leider nicht gefunden werden. Aber: Alle, die ein Sprachzertifikat Deutsch/Italienisch für das Niveau B2 vorweisen konnten und sich verpflichten, innerhalb von zehn Jahren nach dem abgeschlossenen Studium vier Jahre in Südtirol für den öffentlichen Gesundheitsdienst zu arbeiten, können in den Genuss der Landesförderung für das Studium kommen.
Plötzlich 60 Personen mehr, die sich zwischen Claudiana und Landeskrankenhaus bewegen – wie wird sich das auf das Gesamtgefüge auswirken?
Naja, es ist natürlich Chance und Zusatzbelastung zugleich und eine Herausforderung. Es geht nicht darum, einige Ärzte mehr auszubilden, sondern es geht um den Standort Südtirol insgesamt. Dass Südtirol attraktiver wird für Ärztinnen und Ärzte, die im Ausland arbeiten und jetzt durch diese neue universitäre Einrichtung positiv auf Südtirol aufmerksam werden. Und auch das Krankenhausnetzwerk in Südtirol, also alle Sabes-Krankenhäuser, sollen vor allem im Hinblick auf die praktische Ausbildung der Studenten, miteinbezogen werden, quasi ein Universitäts-Netzwerk. Auch die niedergelassenen Ärzte sollen Teil des Projekts werden und einen Teil der Vorlesungen halten.
Damit kommen wir zum Thema Dozenten … Genau, welche Dozenten gibt es, wer kann überhaupt Dozent sein?
Da gibt es zum Beispiel die Vertragsprofessoren, die einen Vertrag direkt mit der Universität Cattolica abschließen, der jährlich erneuert werden muss. Diese werden in einer ersten Phase sicherlich überwiegen. Dafür muss man bestimmte Voraussetzungen haben, aber die Kriterien sind wesentlich weniger stringent als für eine Vollprofessur. Dort müssen nämlich die Akkreditierungskriterien nach italienischem Modell erfüllt sein, sprich, man muss über die italienische Lehrbefugnis abilitazione scientifica nazionale (ASN) verfügen. Damit kann man an einem Wettbewerb für eine Professur teilnehmen. Wenn man diesen gewinnt, wird man als Professor Teil der Universität. Grob gesagt gibt es im Medizinstudium zwei Phasen: Einmal die präklinische, in der man noch keinen Kontakt mit Patienten hat, und einmal die klinische Phase, die ab dem dritten Studienjahr beginnt.
Wenn man einen klinischen Auftrag im Sanitätsbetrieb ausüben möchte, auch als Dozent, beispielsweise als Professor, dann geht das nur mit dem Einverständnis der Generaldirektion. Das heißt, es wird uns im Sanitätsbetrieb kein Professor von der Universität Cattolica „vorgesetzt“. Die Universität Cattolica stellt den Grundstock von 18 so genannten Referenzprofessoren. Diese werden in der Anfangsphase benötigt, um überhaupt die Akkreditierung zu erhalten. Das heißt aber nicht, dass keine anderen Professoren – gerade auch was die klinische Phase angeht – von Sabes gestellt werden können. Im Gegenteil, dies soll die favorisierte Lösung sein.
Was ist mit Personen, die über eine in Österreich oder Deutschland erworbene Habilitation verfügen?
Nun, die können entweder den vorhin beschriebenen Weg der Akkreditierung für eine Lehrbefähigung in Italien beschreiten oder, falls die Person bereits über eine Professur an einer ausländischen Universität verfügt, kann diese – in besonderen Fällen und in Absprache zwischen Universität Cattolica und Generaldirektion – direkt berufen werden. Grundsätzlich müssen Professoren, die anhand von Wettbewerben eine Stelle besetzen, die erforderlichen Voraussetzungen für ein Arbeitsverhältnis im Südtiroler Sanitätsbetrieb haben. Und dazu zählt auch der entsprechende Zweisprachigkeitsnachweis. Um als Professor mit einem klinischen Auftrag arbeiten zu können braucht es also die Lehrbefähigung als Professor, den Zweisprachigkeitsnachweis auf Niveau C1 plus C1 für Englisch, da dies ja die Unterrichtssprache ist. Dies gilt für Primare aber auch für alle anderen Ärzte. Es wird also bestimmt nicht so sein, dass wir, wie von manchen befürchtet, mit Professoren von außen überflutet werden. Im Detail wird die Regelung, welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sanitätsbetriebes mit welchen Voraussetzungen als Dozenten fungieren können, in einem Abkommen zwischen Universität Cattolica und dem Südtiroler Sanitätsbetrieb geregelt, das innerhalb 2025 geschlossen werden wird. Grundsätzlich möchte man allen im Sanitätsbetrieb tätigen Ärzten mittel und langfristig eine Dozentenlaufbahn ermöglichen.
Es braucht aber nicht nur Dozenten, sondern auch Tutoren.
Ja, die braucht es ebenfalls. Tutoren müssen keine Dozenten sein, sondern medizinische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sanitätsbetriebes mit einer Zusatzausbildung, um Studierende betreuen zu können. Diese wird etwa vom Dienst für Innovation, Forschung und Lehre (IRTS) angeboten.
Eine Frage, die immer wieder auftaucht, ist auch: Muss zusätzliches Personal eingestellt werden?
Die Anzahl der Tutoren, die benötigt wird, steht noch nicht definitiv fest. Nach Erfahrungswerten der Universität Cattolica, bietet aber die Einbindung des Krankenhausnetzwerkes bei der Betreuung der Studenten einen erheblichen, für die Anfangsakkreditierung ausreichenden, Spielraum. Die insgesamt erforderlichen Ressourcen hängen auch davon ab, wie man sich organisatorisch aufstellt und wie gut es gelingen wird, das gesamte Krankenhausnetzwerk auf Landesebene mit einzubinden. Was man nicht vergessen darf: Das ganze Projekt ist ein Attraktivitätsfaktor für Südtirols Gesundheitswesen. Die Chancen stehen daher sehr gut, dass wir in Zukunft auch auf zusätzliche Ressourcen zählen werden können, die gerade dank der neuen Entwicklungen zu uns stoßen werden.
Was bedeutet dieser Medizinstudiengang für Südtirol?
Dass der Südtiroler Sanitätsbetrieb über die Universität Cattolica in ein medizinisch-akademisches Netzwerk eingebunden wird. Das heißt zusätzliche Austauschmöglichkeiten zwischen den Fachleuten, zusätzliche Facharztausbildungen über die schon bestehenden hinaus. Außerdem entstehen dadurch zusätzliche Karrieremöglichkeiten, was gerade für die jüngere Ärzteschaft interessant ist. Schlussendlich kommt es auch den Bürgerinnen und Bürger zugute, gerade bei besonderen Fällen hat man über das Netzwerk die Möglichkeit, zusätzliche Referenzzentren miteinzubinden. Ich bin davon überzeugt, dass die Auswirkung des Medizinstudienganges in Südtirol weit über das hinaus gehen wird, als „nur“ Ärzte und Ärztinnen auszubilden.
Peter A. Seebacher