„Flouraschworz“ – eine Hommage an die „Korrnr“
Als junger Mann konnte sich Heinrich Stecher lange nicht entscheiden, ob er Musiker oder Arzt werden sollte. Die Ratio siegte am Ende, denn als Musiker zu leben, so war dem künstlerisch begabten Vinschger klar, war als Weg deutlich schwieriger und unsicherer. Mittlerweile arbeitet Stecher seit drei Jahrzehnten als Gynäkologe am Krankenhaus Schlanders. Seine Neigung nach musikalischem Ausdruck hat er aber nie abgelegt. Mit seinem Projekt „Flouraschworz“ wagte er sich an die Bearbeitung der „Korrnrliadr“ – und das Ergebnis spricht für sich.
Dass einiges, was „Heiner“ macht, auch künstlerisch ein Erfolg wird, ist fast schon konsequent: Ist er doch Filius des bekannten Laaser Künstlers Luis Stefan Stecher. Stechers darstellende Kunst ziert viele sakrale Bauwerke. Besonders bekannt ist der „Totentanz“ an der Friedhofsmauer der Plauser Pfarrkirche.
„Doch mein Vater ist auch leidenschaftlicher Dichter“, so Sohn Heiner, „eine Reise, die er dank eines Förderers als junger Mann machen durfte, führte ihn nach Thailand. Im Norden des Landes kam er in Kontakt mit Angehörigen von Bergvölkern, deren Sprache und Kultur durch die Assimilation mit den Thais am Aussterben war. Nach seiner Rückkehr wurde ihm bewusst, dass auch in unserem Land ein Teil der Sprachkultur verloren geht. Mit der Sprache seiner Kindheit im Ohr machte er sich daran, 1974 eine Hommage an die Vinschger Korrnr zu schreiben. Diese ‚Liadr‘ aus der Feder meines Vaters waren gereimte, liedartige Lyrik im Vinschger Dialekt - ursprünglich ohne Vertonung.“
Das Korrnrwesen war im Wesentlichen eine Folge der Armut und Perspektivenlosigkeit. Den jüngeren Geschwistern der kinderreichen Familien blieb oft kein anderer Weg, als Korrnr zu werden, so Stecher. „Korrnr wurden als nicht Sesshafte häufig argwöhnisch betrachtet, man sagte ihnen nach, sie würden stehlen, lügen und ständig streiten. Mundraub galt für sie als legitim, sofern es sich um Feldfrüchte handelte, die der liebe Gott wachsen ließ, Stolz und Ehre hatten für die Korrnr einen sehr hohen Wert. Manche Korrnr waren einfache Tagelöhner und Korbflechter, andere Korrnrfamilien wiederum spezialisierten sich auf den Tauschhandel und zogen mit den gesammelten Kastanien bis nach Kärnten. Dort erwarben sie im Tausch Wetzsteine und Keramik, die sie auf der Rückreise in den Vinschgau wieder verkauften.“
Die mittlerweile seit der Zwischenkriegszeit verschwundenen Korrnr blieben eine marginalisierte Gruppe herumziehender Vinschger. Ihren Besitz trugen sie als „Pinggl“ oder luden diesen auf einfache Karren, die sie selbst zogen. Ihre Armut zwang sie findig zu sein, und ein etwas „elastischeres“ Verhältnis zum Besitz zu pflegen. „Es ist kein Zufall, dass die meisten Korrnr aus dem oberen Vinschgau stammten, welcher auch zur Zeit Maria Theresias schon als Armenhaus Tirols galt und aus dem viele Schwabenkinder kamen. Diese mussten im Frühjahr zu Fuß unter widrigen Bedingungen ins Allgäu wandern, um dort ein klägliches Auskommen zu finden und der Familie daheim nicht auf der Tasche zu liegen. Mein Urgroßvater war ebenfalls ein Schwabenkind, er hat sich seine Lehre selbst finanziert und wurde später Maurermeister und erfolgreicher Unternehmer. In den Jahren 1885 bis zu seinem Tod 1905 war sein Prader Betrieb sehr gefragt und so realisierte er zahlreiche Sakralbauten und Schulhäuser (unter anderem die Lourdes-Kirche in Laas, sowie die Kirchen in Sulden und Trafoi). Vier der sechs Brüder wanderten in die Vereinigten Staaten aus und fanden ihre neue Heimat an der dortigen Westküste“, so Stecher.
Der 1974 erschienene Gedichtband „Korrnliadr“ wurde von mehreren Musikern als Textschatz aufgegriffen. Ernst Thoma war einer der ersten und erfolgreichsten Vertoner einzelner Korrnrlieder. Seine Version von „Mai Maadele, mai Tschuurale“ wurde weithin bekannt und ist Teil des Repertoires vieler anderer Sängerinnen und Sänger sowie Bands.
„Zum 80. Geburtstag meines Vaters kam ich einem von ihm schon sehr lang gehegten Wunsch nach und wagte selbst eine musikalische Interpretation mit Elementen aus Kletzmer, Bolero, Polka; Tarantella und Rembetiko. In intensiver Zusammenarbeit mit meinen Freunden Franco Micheli, Michael Reissner und Hannes Ortler wurde an den Songs getüftelt und ein jeder brachte Ideen und Elemente für die Arrangements ein. Mein Vater war begeistert, was uns anspornte, weitere Songs zu schreiben.“ Der Kommentar des stolzen Vaters: „Mit den eingängigen Melodien, die Heiner und seine Freunde geschaffen haben, erreichen meine Korrnrliadr nun schon die dritte Generation und es ist wunderbar, die Enkelkinder diese Lieder singen zu hören“, freut sich Luis Stefan Stecher.
„Di Flouraschworz hot Hoor as Stupp und Guggr asswia di Muirn“, so beschreibt Luis Stefan Stecher eine stolze und schwarzhaarige Korrnrin, die gewisse Ähnlichkeiten mit Heiners Mutter hat. „Dieser Name gefiel uns auf Anhieb, weil er für Nichtvinschger exotisch und rätselhaft klingt. So tauften wir unser Projekt Flouraschworz“.
Der erste offizielle Auftritt anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums des Folio Verlages im Literaturhaus Salzburg im Mai 2019 war ein Sprung ins kalte Wasser – auch weil das Salzburger Publikum mit dem Verständnis der Texte zu kämpfen hatte. Die Musik sprach wohl für sich, und der Auftritt wurde ein voller Erfolg. Es folgten eine Reihe von Auftritten im Vinschgau und im Herbst 2019 wurde die CD „Flouraschworz – kurz unt guat“ mit 15 Titeln aufgenommen. Doch dann kam die Pandemie und alle geplanten Auftritte fielen aus, selbst die Verleihung des Walther-von-der-Vogelweide-Preises als Newcomer 2020 beim Songs-an- einem-Sommerabend- Festival in Würzburg wurde verschoben.
Mittlerweile läuft der Konzertbetrieb wieder an und es wird die zweite CD „Fuirroat“ aufgenommen, die im Herbst vorgestellt werden soll. Für den Primar-Stellvertreter und seine Freunde geht es beim Musikprojekt vor allem um ein neues kulturelles Vinschger Selbstverständnis, das getragen wird durch die Verbindung von „Weltmusik“ mit der Poesie des heimischen Dialekts:
„Van Doch trepfelts und tschatterts, as Hintl tuat kooln, inzer Heiner mocht Muusi, unt dr Tata tuat mooln.“
Sabine Flarer