„Ich bin sehr positiv überrascht“: Gespräch mit Gesundheitslandesrat Hubert Messner
Gesundheitslandesrat Hubert Messner besucht derzeit die Krankenhäuser und Sprengel des Südtiroler Sanitätsbetriebes. Wie sich sein Einstieg als Landesrat angefühlt hat und welchen Eindruck er bei seinen Treffen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewonnen hat, erzählt er im Interview.
Wie war Ihr Einstieg in die Rolle des Landesrates?
Arbeitsintensiv. Zunächst galt es, ein Team im Ressort aufzubauen, den Arbeitsmodus im Landtag zu verinnerlichen und auch viele praktische Fragen zu lösen. Glücklicherweise sind wir gut aufgestellt und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten mir den Rücken frei, damit ich mich auf meine Kernarbeit konzentrieren kann. Ein Vorteil war sicher auch die Tatsache, dass ich den Gesundheitsbetrieb gut kenne, man hat einen gewissen Wissensvorsprung.
Somit ist mir eine Einarbeitungsphase im klassischen Sinn fast erspart geblieben.
Welche Anliegen liegen derzeit auf Ihrem Schreibtisch?
Derzeit bin ich in den einzelnen Bezirken und Krankenhaus-Standorten unterwegs und führe Gespräche mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Viele Notwendigkeiten sind bekannt, aber nicht alle. Tatsächlich verschaffen die direkten Gespräche vor Ort eine ganz andere Sichtweise darauf, was den Menschen wirklich unter den Nägeln brennt. Dementsprechend groß ist auch die Bandbreite der Anliegen, die wir mitnehmen und versuchen werden, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Überschneiden sich die Themen in den Diskussionen vor Ort?
In vielen Punkten ja. Andere Themen wurden in einem Bezirk intensiv debattiert, während im nächsten kein einziges Wort darüber verloren wurde – etwa das Thema Gehalt.
Die Digitalisierung wird überall an- gesprochen, aber nicht in derselben Intensität, weil die Entwicklung jeweils auf einem anderen Stand ist. Selbst in Sachen Fachkräftemangel gibt es große Unterschiede: Wo man sich intensiv um die Rekrutierung kümmert oder ein besonders gutes Arbeitsklima herrscht, ist der Stellenplan teilweise voll besetzt.
Was haben Sie sich in den Gesprächen nicht erwartet?
Ich bin sehr positiv davon überrascht, wie hoch die Motivation und der Zusammenhalt in den Teams der Gesundheitssprengel ist. Wir haben sehr engagierte Krankenpflegerinnen, Koordinatorinnen und Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin getroffen, die Begeisterung ausstrahlen, auch wenn die Arbeitslast hoch ist. Gleichzeitig gibt es auch viele motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern, von den Ärzten über die Pflegedienstleiter bis zum Techniker, die keine Hürde scheuen, um den Dienst am Patienten in der bestmöglichen Form zu garantieren. Was mir bisher nicht bewusst war, ist die Schwierigkeit, Hilfspersonal in den verschiedenen Bereichen zu rekrutieren. Das geht von der Küche über die Handwerker bis hin zu den Technikern, ohne die ein Krankenhaus nicht funktionieren kann.
Was sind die schwierigsten Punkte, und welche wird man lösen können?
Schwierig sind jene Anliegen mit rechtlichen Hürden auf zentralstaatlicher Ebene, wie die Beschleunigung der Studientitelanerkennung oder die frühzeitige Durchführung von Wettbewerben für die Anstellung der Fachärztinnen und Fachärzte in Ausbildung. Wir haben Lösungsvorschläge, um den Prozess zu beschleunigen, aber solange Rom kein grünes Licht gibt, sind wir machtlos.
Von den übergreifenden Anliegen ist vieles lösbar, die Frage stellt sich eher nach dem „Wann“. Beim Gehalt für das Pflegepersonal haben wir die Verhandlungen wieder aufgenommen, die Mittel wurden bereitgestellt. Es braucht noch die Feinabstimmung. Oder in Sachen Digitalisierung: Wir brauchen ein landesweit einheitliches Krankenhausinformationssystem, das steht außer Zweifel. Aber Zeitpunkt und Taktung der Umstellung sowie die damit zusammenhängende Kommunikation müssen sehr gut überlegt und vorbereitet sein.
Stichwort Digitalisierung: Wann ist der Stichtag für die Stilllegung von IKIS?
Eines ist der Zugriff der Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin auf das Krankenhausinformationssystem IKIS, der eigentlich gar nicht erfolgen dürfte. Wenn ab Mai rückwirkend alle bisher digital generierten medizinischen Daten und Dokumente in die Elektronische Gesundheitsakte einfließen, dann ist das sicher ein Quantensprung, der dabei helfen wird, IKIS zu überwinden. Das Zweite ist die Einführung des neuen landesweiten Informationssystems „NGH – New Generation Hospital Information System“ anstelle von IKIS in allen Krankenhäusern. Das neue System ist noch nicht ausgereift und die Korrektur von Systemfehlern oder Mängeln erfolgt derzeit nur schleppend. Deshalb haben wir beschlossen, NGH schrittweise immer nur in einem Krankenhaus am Stück einzuführen. Die Herausforderung wird sein, einen angemessenen Support sowie Schulungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereitzustellen und deren Anforderungen an das System auch zu implementieren.
Am 18. Mai findet der Aufnahmetest für die künftigen Medizinstudenten der Claudiana statt. Was erwarten Sie sich von diesem Projekt?
In erster Linie ist das Medizinstudium ein Mittel, um die Qualität und Attraktivität unserer Gesundheitsversorgung langfristig zu sichern. Dafür spricht auch die hohe Zahl der Interessenten. Ich erwarte mir viele positive Impulse. Es werden neue Netzwerke entstehen, die Teilnahme an Forschungsprojekten wird erleichtert, Südtirol wird als Studien- und Arbeitsumfeld für junge, aber auch erfahrene Ärztinnen und Ärzte interessant. Wir haben jetzt schon Anfragen von Fachleuten, die am Aufbau dieses Studiengangs mitwirken möchten und dazu auch aus dem Ausland zurückkommen würden.
Außerdem haben wir die einmalige Chance, in Zusammenarbeit mit der Universität Cattolica das Fach Allgemeinmedizin schon frühzeitig ins Studium einzubauen. Neben der angestrebten Facharztausbildung für Allgemeinmedizin werden wir den hausärztlichen Beruf auch dadurch aufwerten können.
Ein Hebel für die Stärkung der wohnortnahen Versorgung?
Ja, einer von vielen. In Leifers ist der Bau am ersten der geplanten Gemeinschaftshäuser angelaufen. Dort werden wir vieles wohnortnah abfangen können, was derzeit an die Krankenhäuser delegiert wird. Auch die ersten Wohnortnahen Einsatzzentralen sind bereits aktiv, sie koordinieren das Netzwerk der wohnortnahen Gesundheitsversorgung und den Austausch mit dem Krankenhaus. Parallel dazu laufen Bemühungen, um die Allgemeinmedizin durch zusätzliches Personal für die Verwaltung, aber auch Krankenpflegepersonal zu unterstützen, um die Errichtung von Gemeinschaftspraxen und den Ankauf von kleindiagnostischen Geräten zu fördern.
Welche Auswirkungen auf das Versorgungssystem erwarten Sie sich dadurch?
Die Hoffnung ist, dass eine breitere wohnortnahe Betreuung der Patientinnen und Patienten auch eine Entlastung für die Krankenhäuser mit sich bringt. Und dass das, was ich bisher an Motivation und positiver Energie gerade in den Sprengeln beobachten konnte, wieder überschwappt auf das Krankenhauspersonal, das derzeit vielfach am Anschlag ist.
Ein Wunsch für die Zukunft?
Aus den Gesprächen habe ich mitgenommen, dass Demotivation und Frustgefühle auch von der allgemeinen Stimmung abhängen: Permanente mediale Kritik an der Sanität oder das Verbreiten von Gerüchten ohne jegliches Fundament – wie das angebliche Aushungern der kleinen Krankenhäuser, der kolportierte Personalstopp oder der Abbau von Diensten – tragen maßgeblich dazu bei. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die Hiobsbotschaften leid. Daher möchte ich an alle appellieren, ihre Art der Kommunikation zu überdenken, um im ganzen Gesundheitswesen wieder etwas Aufbruchstimmung und positive Ausblicke zuzulassen.
Peter A. Seebacher


