"In der Trauer rollen Emotionen wie Wellen über und hinweg"
Gerade im Herbst, wenn die Tage kürzer werden, die Natur stirbt und Allerheiligen naht, erfasst trauernde Menschen oft eine Welle aus Traurigkeit. Claudia Seeber, eine Mitarbeiterin aus dem Gesundheitsbezirk Meran, hat die Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht, um diesen Menschen beistehen zu können.
Für Claudia Seeber ist die Pusteblume das treffendste Symbol für Tod und Trauer, erinnert sie doch an die Vergänglichkeit des Lebens. Eine Pusteblume wird in alle Windrichtungen getragen, so dass etwas Neues daraus entstehen kann. Seeber, die vor 20 Jahren begonnen hatte, im Sprengel Naturns als Zahnarztassistentin zu arbeiten, wechselte in der Coronazeit, als der Dienst geschlossen wurde, in den Bereich Arbeitssicherheit. Derzeit ist sie in der Bezirksdirektion im Gesundheitsbezirk Meran tätig und neben ihrer Arbeit engagiert sie sich auch sozial.
„Als ich vor einigen Jahren eine Ausbildung zur psychosozialen Lebensberaterin gemacht habe, habe ich in der Seelsorge im Krankenhaus Meran bei Pater Peter in der Geriatrie Gespräche mit Patientinnen und Patienten geführt. Damals hat sich für mich herauskristallisiert, dass ich mich mit dem Thema Trauerbegleitung auseinandersetzen wollte – um eigene Themen aufzuarbeiten, aber vor allem, um Menschen in extremen Krisensituationen zu begleiten.“ Auch in ihrem eigenen Leben hatte Claudia Seeber Pflege und Verlust erlebt, sie hatte ihre Eltern betreut, die beide innerhalb kurzer Zeit an Lungenkrebs verstarben. Und als Präsidentin des Seniorenwohnheims St. Zeno Naturns- Schnals-Plaus wurde Claudia Seeber regelmäßig mit der Problematik der Angehörigen, die ihre Lieben im Heim abgeben müssen, konfrontiert. „Trauer sehen viele nur in Verbindung mit dem Tod, aber der Trauerprozess beginnt bereits, wenn Angehörige ihre Mutter oder ihren Vater ins Altersheim bringen. Mich interessiert, wie Menschen mit dieser Situation umgehen. Ich erlebe oft, dass die Heimbewohner eigentlich gut versorgt sind, und dass es für die Angehörigen trotzdem schlimm ist. Sie werden von den verschiedensten Emotionen überrollt, wenn sie die Pflege nicht mehr allein schaffen“, erzählt Seeber.
Claudia Seeber machte die einjährige Ausbildung zur Trauerbegleiterin im Kloster Neustift, denn nach ihren Erfahrung in der Seelsorge war ihr ein christlicher Hintergrund wichtig. In der Ausbildung mit verschiedenen Referentinnen und Referenten, die viel Erfahrung für diesen Bereich mitbrachten, lernte sie Trauerbegleitung in allen ihren Facetten kennen.
Trauerbegleitung ist immer individuell und unterschiedlich. Kinder, die Vater oder Mutter verloren haben, müssen anders begleitet werden als Jugendliche. Eltern, die ein Kind verloren haben, wieder anders als Menschen nach dem Tod des Lebenspartners oder der Lebenspartnerin. Es kommt auch darauf an, wie jemand verstirbt – ob durch lange Krankheit, durch einen plötzlichen Unfall, durch Suizid oder friedlich im hohen Alter. Diejenigen, die zurückbleiben, müssen sich ohne ihre Liebsten neu orientieren und oft einen neuen Sinn in ihrem Leben finden. Jeder Mensch geht damit anders um, jedes Gefühl darf sein, ohne bewertet zu werden.
In unserer Gesellschaft werden Themen wie Tod und Trauer oft tabuisiert. Das Wissen, wie man damit umgeht und die Rituale, die damit verbunden sind, sind weitgehend verloren gegangen. „Früher gab es bei uns eigene Rituale. Auf den Höfen war es üblich, die Verstorbenen daheim aufzubahren, der Tod war ein Teil des Lebens und es gab ein klares Abschiednehmen-Dürfen in der Großfamilie“, erklärt Seeber.
Wenn die Trauer in eine Depression übergeht, ist psychotherapeutische Hilfe notwendig, die Trauerbegleitung unterstützt sogenannte normale Trauerfälle. „Als Trauerbegleiterin ist es meine Aufgabe, für Menschen da zu sein, ihnen beizustehen und die Situation auszuhalten“, so Seeber.
Trauer ist wie eine Welle, die immer wieder kommt, aber auch wieder geht.
Es gibt viele Anlässe, die eine Trauerwelle auslösen können, wie Geburtstage, bestimmte Gerüche, Weihnachten oder auch Allerheiligen.
Neben ihrer Arbeit im Sanitätsbetrieb bleibt Claudia Seeber nicht genügend Zeit, regelmäßig in der Trauerbegleitung tätig zu sein. Sie begegnet in ihrem Leben jedoch laufend Menschen, die einen Verlust erlebt haben und versucht, diese zu unterstützen – sei es als Präsidentin im Seniorenwohnheim, auf dem Friedhof oder bei einer Bergtour. Und ihre Abschlussarbeit, in der es um die Trauer von Angehörigen, die ihre Lieben im Altersheim unterbringen müssen, geht, liegt in einer Kurzversion als nützlicher Ratgeber im Seniorenwohnheim auf.
Vera Schindler
