Krisentelefon kommt gut an

10.07.2024, 09:00

Psychische Krisen halten sich nicht an Dienst- oder Öffnungszeiten, deshalb ist es so wichtig, dass sich Menschen in psychischen Notsituationen jederzeit Hilfe holen können. Mit dem Start des Psychologischen Krisentelefons im April wurde ein wichtiger Meilenstein in der psychologischen Krisenintervention erreicht. Wir haben mit dem Leiter der Notfallpsychologie Erwin Steiner über diese neue Einrichtung gesprochen und ihn gefragt, was er selbst während seines Dienstes erlebt hat.

Erwin Steiner, Leiter der Notfallpsychologie
Erwin Steiner, Leiter der Notfallpsychologie

Warum wurde das Psychologische Krisentelefon eingerichtet und was passiert mit den anderen Telefondiensten?
Ziel war es, die psychologische Krisenintervention – darunter verstehen wir die unmittelbare psychologische Erste Hilfe in akuten psychischen Krisen – zu verbessern. Seit April können Menschen, die sich in einer psychologischen Notsituation befinden, über die Grüne Nummer eine niederschwellige Hilfe von erfahrenen Psychologinnen und Psychologen erhalten. Die Telefonseelsorge der Caritas und das „Telefono Amico“, die schon seit Jahren wichtige telefonische Hilfsdienste im Bereich der psychischen Gesundheit sind, bleiben weiterhin aufrecht. Das neue Psychologische Krisentelefon versteht sich als eine Ergänzung, eine professionelle Erweiterung und fachlicher Hintergrunddienst zu den bestehenden psychosozialen Angeboten.

Wie sieht die Arbeit der Psychologinnen und Psychologen am Krisentelefon aus?
Die Psychologinnen und Psychologen bieten eine fachkompetente Hilfe in akuten psychischen Krisen, durch psychische Orientierung, Stabilisierung und Deeskalation, durch Einschätzung von Bedarf, Risiko, Komplexität und Dringlichkeit und nicht zuletzt durch die gezielte Anbindung an eine Weiterbetreuung. Die Mitarbeitenden des Krisentelefons verfügen hierfür über die Bereitschaftsdienstnummern aller Psychologischen Dienste.

Wie kann den Menschen am Telefon geholfen werden?
Es gibt eine festgelegte Vorgehensweise am Krisentelefon. Bei einer laufenden selbst- oder fremdverletzenden Handlung wird sofort ein Notruf über 112 abgesetzt. Besteht ein sehr hohes Risiko für eine unmittelbare Selbst- oder Fremdverletzung wird versucht, das soziale Umfeld, den Hausarzt oder den Landesrettungsdienst zu aktivieren, um die Person in die Notaufnahme zu begleiten, wo sie psychiatrische Hilfe erhält. Wird das Risiko einer Schädigung als mittelgradig bis gering eingeschätzt, so steht der Psychologische Dienst für eine weitere Betreuung zeitnahe zur Verfügung. Manchmal reicht auch ein einmaliges Beratungsgespräch am Psychologischen Krisentelefon aus und, wenn kein Bedarf für eine weitere Betreuung im Sanitätsbetrieb oder für eine Unterstützung durch andere Institutionen wie Caritas Telefonseelsorge, „Telefono Amico“, Familienberatung oder Schuldnerberatung besteht, kann die Beratung abgeschlossen werden.

Was können Sie uns vom Start des Psychologischen Krisentelefons erzählen?
Es hat sich gezeigt, dass das Psychologische Krisentelefon von den hilfesuchenden Menschen sehr gut angenommen wird und bestätigt unsere Erwartungen und Einschätzungen, welche wir bei vergleichbaren Diensten etwa im Veneto oder in Bayern gewinnen konnten. Im ersten Monat haben wir 218 Anruferinnen und Anrufer mit insgesamt 41,4 Stunden Telefongesprächen verzeichnet. Wir erhalten etwa 7 bis 8 Anrufe pro Tag, wobei die durchschnittliche Gesprächsdauer zirka 12 Minuten beträgt.

Einzelne Beratungsgespräche nehmen viel Zeit in Anspruch, daher ist das Psychologische Krisentelefon bei einem Viertel der Anrufe besetzt. Es erschien mir von Anfang an sehr wichtig, dass der Anruf in diesem Fall an mein Notfallpsychologietelefon weitergeleitet wird, denn wir wissen, dass in einer akuten Krise der menschliche Beistand das Um und Auf ist. Die hilfesuchende Person wird also, wenn das Krisentelefon besetzt ist, von einem Menschen und nicht von einer künstlichen Tonbandstimme gebeten, in etwa einer halben Stunde noch einmal anzurufen. Wir betonen immer, dass es richtig und mutig ist, sich in einer Notsituation Hilfe zu holen. In den ersten Wochen hat sich gezeigt, dass die überwiegende Anzahl der Hilfesuchenden Frauen sind. Etwa die Hälfte der Anrufe kommen aus Bozen, ein Viertel aus dem Raum Meran, die restlichen Anrufe aus dem Raum Brixen (etwa 9 Prozent) und Bruneck (etwa 7 Prozent). Einige wenige Anrufe gingen auch von italienischen Regionen außerhalb Südtirols ein – unsere Nummer wird offensichtlich bei Internet-Recherchen gefunden.

Die Hilfesuchenden befanden sich in akuten Belastungssituationen. Meist ging es um Probleme im privaten Umfeld, um Isolation, um berufliche Probleme und Gewalterfahrungen. Es melden sich auch Menschen in psychosozialen Krisen, diese Anrufe betreffen Depression, Ängste und Panik oder Suchtverhalten. Etwa ein Viertel der Anrufe haben schwerwiegende oder chronifizierte Probleme zum Thema. Letztens erhielten wir Hilfeanrufe von Eltern, die große Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Kindern haben. Einige berichten, dass sie von ihren Kindern im jugendlichen oder jungen Erwachsenenalter Gewalt erfahren würden. In Erinnerung geblieben ist mir auch der Fall einer erwachsenen Tochter, die ihre Eltern erpressen würde.

Einige hilfesuchende Menschen melden sich beim Psychologischen Krisentelefon, die in Sorge um ihre Angehörigen sind, beispielsweise rufen Frauen stellvertretend für ihren Partner an. Bei etwa 35 Prozent der Anrufe ist keine klinischpsychologische Intervention notwendig.

Sie sind selbst auch am Psychologischen Krisentelefon anzutreffen, welcher Einsatz ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Eine verzweifelte Frau schilderte eine schon lange andauernde Beziehungsproblematik und ihre akuten Nöte. Ihr Partner wisse nicht mehr weiter und denke daran, seinem Leben und dem Leiden ein Ende zu setzen. Die Partnerin bat um Hilfe, sie wisse selbst nicht mehr weiter und hoffte auf konkreten Rat. Im gemeinsamen Gespräch konnten wir einige Lösungsansätze besprechen und ordneten die Situation neu ein. Durch die Kontaktvermittlung zum Zentrum für Psychische Gesundheit erhielt ihr verzweifelter Partner einen prioritären Termin für eine medizinisch-psychiatrische Abklärung und Behandlung. Am Krisentelefon gelang es mir somit, eine konkrete Hilfe anzubieten.

Vera Schindler

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Das psychologische Krisentelefon ist unter der Grünen Nummer 800 101 800 erreichbar

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Menschen in Krisensituationen können dort mit erfahrenen Psychologinnen und Psychologen sprechen. Diese sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und die Anrufenden können anonym bleiben, wenn sie das möchten. Auf Wunsch wird den Anrufenden ein zeitnaher Kontakt in das psychosoziale Hilfesystem vermittelt.

Neben betroffenen Menschen können sich auch Angehörige, Betreuerinnen und Betreuer, Fachstellen, Ordnungskräfte und Behörden bei psychischen Notlagen an die Grüne Nummer 800 101 800 wenden.

Um die Nachbetreuung sicherstellen zu können, ist das Krisentelefon hauptsächlich für Bürgerinnen und Bürger, der Autonomen Provinz Bozen gedacht.

Das neue Psychologische Krisentelefon ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche erreichbar. Das Psychologische Krisentelefon wurde vom Netzwerk für Psychische Gesundheit im Südtiroler Sanitätsbetrieb in Zusammenarbeit mit dem Forum Prävention und dem Landesrettungsverein Weißes Kreuz eingerichtet.

Vera Schindler