Wohlergehen der Patientinnen und Patienten steht im Mittelpunkt

14.03.2025, 10:00

Christian Kofler ist seit einem Jahr Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes. One hat ihn gefragt, wie die ersten zwölf Monate in der neuen Rolle waren, was ihn überrascht hat und welche Ziele er noch anpeilt. Im Hintergrund wacht prominent platziert das Bild eines freundlichen Bärs über das Interview.

Foto: Peter A. Seebacher
Foto: Peter A. Seebacher

Was hat Sie vor einem Jahr motiviert, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen?
Dass es keine einfache Aufgabe sein würde, war mir bewusst, aber ich bin in diesem Betrieb groß geworden und ich denke, dass im Sanitätsbetrieb arbeiten sicher eine der sinnstiftendsten Tätigkeiten ist, die man ausüben kann. Man kann zum Wohle der Bevölkerung arbeiten – für Menschen, die sich oft in schwierigen Situationen befinden. In diesem Bereich Verantwortung zu übernehmen bedeutet, sich einmal dieser bewusst zu sein aber zugleich eröffnet die Rolle des Generaldirektors auch die Möglichkeit, zu gestalten und im Sinne einer guten Gesundheitsversorgung tätig werden zu können. Das ist zwar eine sehr herausfordernde, aber auch schöne und erfüllende Aufgabe.

Sie sind seit 1998 Mitarbeiter des Sanitätsbetriebes. War es ein Vorteil, dass Sie den Betrieb sehr gut kennen?
Das war sicher ein Vorteil, ich war ja in unterschiedlichen Rollen und Führungspositionen sowie in verschiedenen Bezirken tätig. So konnte ich viel Erfahrung sammeln und den Betrieb sehr gut kennenlernen. Ein Sanitätsbetrieb ist aufgrund seiner Aufgaben, die er zu erfüllen hat und der vielfältigen Tätigkeiten sehr komplex, da ist es von Vorteil, wenn man als Generaldirektor weiß, wie die Betriebsstruktur funktioniert.
Ich glaube aber auch, dass ich jemand bin, der dadurch nicht betriebsblind geworden ist, sondern dem es immer wichtig war, sich einen Blick von außen zu bewahren.

Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes – ein Traumjob für Sie?
Es bringt Zufriedenheit, wenn man nach den Anstrengungen eines langen Arbeitstages weiß, dass man mit seinem Einsatz anderen helfen konnte. Falls Traumjob bedeutet, einer Arbeit nachzugehen, die Genugtuung bringt und als sinnvoll empfunden wird, dann muss ich die Frage bejahen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil bezeichnen?
Ich versuche einen kooperativen Führungsstil an den Tag zu legen, weil ich überzeugt bin, dass man gemeinsam mehr erreichen kann. Vor allem, wenn es mir gelingt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Führungskräfte „mitzunehmen“ und diese auf dem Weg zu einer Entscheidungsfindung ihren jeweiligen Rollen entsprechend einzubinden. Das ist ausschlaggebend, wenn man in so einer Organisation etwas bewegen will. Das bedeutet aber nicht, keine klaren Entscheidungen zu treffen, wenn diese notwendig sind. Die Richtung vorzugeben gehört zu einer Führungsrolle dazu, so wie auch die Übernahme der Verantwortung für diese.

Was hat Sie in Ihrem ersten Jahr als Generaldirektor am meisten überrascht?
Trotz der jahrelangen Arbeitserfahrung im Südtiroler Sanitätsbetrieb hat mich die Komplexität der Aufgabe schon etwas überrascht. Eine wirkliche Überraschung war aber, dass nach den – aus unterschiedlichen Gründen – turbulenten Zeiten der vergangenen Jahre, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ungebrochen Einsatz und Motivation zeigen, um tagtäglich die bestmögliche Gesundheitsversorgung zu garantieren. Dabei weiß ich selbst, dass die strukturellen und organisatorischen Schwachpunkte, die der Betrieb hat, manchmal eine ziemliche Herausforderung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darstellen. Dass trotz dieser Schwierigkeiten, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin hochmotiviert und pflichtbewusst ihrer Aufgabe nachgehen und versuchen ihr Bestes zu geben, das hat mich tatsächlich überrascht.

Mit welchen Zielen haben Sie das Amt angetreten?
Ein Ziel ist es, den Südtiroler Sanitätsbetrieb für die Zukunft und die kommenden Herausforderungen zu rüsten und dabei das hohe Niveau der Gesundheitsversorgung, das wir – dank der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie dank der Rahmenbedingungen, die von der Politik geschaffen werden – haben, weiterhin zu garantieren. Die Welt ist in stetiger Veränderung begriffen und es muss uns gelingen, diese Veränderungen zu antizipieren und uns darauf vorzubereiten sowie die entsprechenden Maßnahmen zu setzen. Bereits heute ist es so, dass 31 Prozent der Südtiroler Bevölkerung an einer chronischen Krankheit leiden, 76 Prozent der Ausgaben des Gesundheitswesens werden für diese eingesetzt. Diese Situation wird sich aufgrund der demografischen Entwicklung in absehbarer Zeit nicht verbessern.
Deshalb gilt es, das Bewusstsein für Prävention in der Bevölkerung zu steigern. Wer auf sich schaut, lange gesund und fit bleibt, kann dadurch das Gesundheitssystem entlasten, sichert sich aber vor allem für sich selbst ein langes und gesundes und somit gutes Leben. Ein Ziel ist also, die Bevölkerung für das Thema Prävention noch stärker zu sensibilisieren.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen und mit welcher Strategie wollen Sie diesen begegnen?
Nun, das soeben genannte Thema ist sicher eine der größten Herausforderungen. Eine weitere ist die Digitalisierung, die am Ende zum Wohle der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch der Bürgerinnen und Bürgerinnen beitragen soll. Sprich: Die Digitalisierung muss für alle Seiten eine Erleichterung darstellen und nicht eine Hürde. Die Krankenhauslastigkeit ist eine weitere Herausforderung, die wir bewältigen müssen. Die Investition in eine wohnortnahe Versorgung ist unerlässlich – weil eben der Anteil der Bevölkerung, der eine Gesundheitsleistung in Anspruch nehmen muss, aufgrund der demografischen Entwicklung wachsen wird.
Wohnortnahe Versorgung kann heute aber auch über telemedizinische Maßnahmen erfolgen. Wichtig ist der direkte Kontakt zwischen Patient und Gesundheitspersonal – egal, ob dieser online oder in persona erfolgt.

Wie schätzen Sie die Qualität der Gesundheitsversorgung in Südtirol im Vergleich zu anderen Regionen ein? Die Gesundheitsversorgung in Südtirol kann sich durchaus mit anderen Regionen in Europa oder auch der Welt messen, auch mit denen, die im Ranking vorne dran sind. Vor allem, wenn man den hohen Standard der Gesundheitsversorgung in Südtirol in Relation zu den dafür getätigten Ausgaben setzt und berücksichtigt, dass der Südtiroler Sanitätsbetrieb für eine Rundumgesundheitsbetreuung der Bevölkerung sorgt. Nicht zuletzt muss auch die hohe fachliche Kompetenz sowohl im pflegerischen wie auch dem medizinischen Bereich hervorgehoben werden. Die Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben – Fachkräftemangel, Wartezeiten – haben auch andere Gesundheitsbetriebe und Regionen. Natürlich gibt es auch noch andere Schwachstellen, die es zu beseitigen gilt, etwa bei den Abläufen. Daran arbeiten wir bereits.

Die Wartezeiten sind immer wieder Thema …
Bei den Wartezeiten müssen wir verstärkt an der Angemessenheit arbeiten und organisatorisch Doppeluntersuchungen vermeiden. Uns muss es vor allem gelingen, die chronisch Kranken kontinuierlich zu begleiten und einen fixen Bezugspunkt herzustellen, damit nicht aufgrund von Schnittstellenproblematiken und internen Abstimmungsproblemen Kapazitäten besetzt werden, die eigentlich anderweitig gebraucht werden. Im Bereich der Notaufnahme ist es notwendig, dass die Bürger und Bürgerinnen, die einen Bedarf haben, die richtige Anlaufstelle angeboten bekommen. Wir wissen zwar, dass 80 Prozent der Fälle, die in die Notaufnahme kommen, keine Notfälle sind, aber andererseits bin ich auch der Meinung, dass keine Bürgerin oder kein Bürger aus reinem Spaß die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsucht, sondern diese Personen kommen in die Notaufnahme, weil ein gesundheitliches Problem vorliegt. Für diese Personen müssen bereits im Vorfeld entsprechende Angebote geschaffen werden.

Die Digitalisierung haben Sie bereits als Herausforderung genannt – wie geht es dort weiter?
Wir sind dabei, das System zu vereinheitlichen, was natürlich eine Riesenaufgabe ist – sowohl für die Abteilung Informatik, aber vor allem auch für die Nutzerinnen und Nutzer. Wir wissen alle, dass die Verwendung eines neuen Systems, die Implementierung einer neuen Technologie, für die Nutzerinnen und Nutzer immer einen Aufwand darstellt. Wer schon mal von einer Handy-Marke zu einer anderen oder gar von Apple auf Android oder Microsoft gewechselt hat, weiß, wovon ich spreche. Deshalb müssen die Nutzer bei der Umstellung so begleitet werden, dass sie am Ende das neue System als Vorteil empfinden und nicht als Bürde.
Die Einführung der elektronischen Gesundheitsakte – auch wenn sie derzeit noch nicht optimal funktioniert – ist im Rahmen der Digitalisierung ein wesentlicher Punkt. Dass alle Gesundheitsfachleute, die direkt oder indirekt für die Gesundheitsversorgung zuständig sind, auf die Gesundheitsdaten ihrer Patientinnen und Patienten Zugriff haben, erleichtert den Behandelnden ihre Arbeit ungemein. Aber auch die Bürgerinnen und Bürger haben den Vorteil, dass sie jederzeit und von überall her ihre Gesundheitsdaten und Befunde einsehen und abrufen können. Ein Ausdrucken der Befunde ist nicht mehr notwendig. Welcher Zwanzigjährige druckt heute noch sein gebuchtes Flugticket aus? Diese Generation hat alles auf ihren Mobilgeräten und fertig. Sich auf die Digitalisierung einlassen bedeutet vor allem für uns über 50-Jährige, alte Gewohnheiten über Bord zu werfen und die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Da sind wir alle gefordert.

Thema Mangel an Fachpersonal – wie ist da der Stand der Dinge?
Wir stehen in diesem Bereich vor den gleichen Herausforderungen, wie der Rest Europas. Dazu kommt, dass wir zweisprachiges Personal benötigen, denn zu einer guten Patientenversorgung gehört auch, dass sich diese in ihrer Muttersprache verständigen können. In meinen Augen ist das ein wesentlicher Bestandteil der Kommunikation und Verständigung im Bereich der Humanmedizin.
Grundsätzlich wird der Bedarf an Fachkräften auch in Zukunft zunehmen und dementsprechend können sich die in Gesundheitsberufen Tätigen aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Umso wichtiger ist es, dass es uns als Südtiroler Sanitätsbetrieb gelingt, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein – auch für junge Menschen. Das können wir nur schaffen, wenn wir interessante Arbeitsplätze bieten können. Dazu müssen wir die Möglichkeiten nutzen, die uns als Betreiber von sieben Krankenhäusern und 24 Sprengeln zur Verfügung stehen. Wesentlich ist auch, dass sich die Führungskräfte der Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche der jüngeren Generation bewusst sind und diesen auch Rechnung tragen – natürlich ohne die Notwendigkeiten des Betriebes außer Acht zu lassen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Direktion und Gesundheitsbezirken?
Nun, die Zusammenarbeit ist grundsätzlich gut. Nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass ich einige Personen im Führungsgremium bereits seit meinem Arbeitsbeginn im Sanitätsbetrieb kenne. Die Zusammenarbeit ist konstruktiv und es ist auch wichtig, dass diese gut funktioniert. Natürlich gibt es hin und wieder Abstimmungsprobleme – sowohl zwischen Direktion und Gesundheitsbezirk als auch zwischen den Gesundheitsbezirken. Geschuldet auch der Matrixstruktur, die wir als Südtiroler Sanitätsbetrieb haben. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Zusammenarbeit weiterhin ausgebaut werden muss – mehr als in der Vergangenheit. Das gilt aber nicht nur für Gesundheitsbezirke und Direktion, vor allem auch für die verschiedenen Fachbereiche. Das ist entscheidend für eine hochwertige Gesundheitsversorgung, die wir der Südtiroler Bevölkerung auch in Zukunft bieten möchten. Nicht zuletzt auch, um für junge zukünftige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter attraktiv zu sein und zu bleiben.
Um die Weiterentwicklung der Kompetenzen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewährleisten, ist es unerlässlich, dass die Fachdisziplinen bezirks- und häuserübergreifend verstärkt zusammenarbeiten. Für mich ist das ein prioritäres Ziel, das wir erreichen müssen. Ich habe als Sarner zwar eine gewisse Schwäche für Kirchtürme, aber in diesem Fall gilt es notwendigerweise die Kirchturmglocken zu einem einheitlichen Glockengeläut zusammenzuführen. So werden wir dann auch alle gemeinsam besser gehört und wahrgenommen.

Der Haushaltsvoranschlag 2025 für den Sanitätsbetrieb beträgt rund 1,8 Milliarden. Anlässlich der Verabschiedung meinten Sie, dass dabei auf ein nachhaltiges Kostenmanagement geachtet wurde. Wo muss gespart werden?
Die Kosten sind im Gesundheitsbereich immer ein Thema, nicht zuletzt, weil wir ja Steuergelder der Bürgerinnen und Bürger verwalten und einsetzen. Vor allem ist es notwendig, die Kosten im Auge zu behalten, damit das Gesundheitswesen und Gesundheitssystem weiterhin finanzierbar bleiben. In meinen Augen geht es aber weniger um Einsparungen, sondern vielmehr darum, die zur Verfügung stehenden Ressourcen richtig einzusetzen. Sparpotenzial sehe ich eher darin, dass mit internen organisatorischen Maßnahmen Ressourcen eingespart werden können.
Diese können dann in Bereichen eingesetzt werden, die derzeit noch nicht so „bespielt“ werden, wie es eigentlich notwendig wäre. Die bürokratischen Tätigkeiten bringen zurzeit einen großen Aufwand mit sich. Sicher ist in der heutigen Zeit ein gewisses Maß an Bürokratie wichtig. Nicht zuletzt ist die Erhebung von Daten für die Steuerung eines Betriebes sowie die Qualitätssicherung unerlässlich. Der bürokratische Aufwand dafür muss in Zukunft aber reduziert werden – und da kann uns die künstliche Intelligenz gute Dienste leisten. So, dass sich die Fachkräfte wieder verstärkt mit ihren ureigensten Aufgaben beschäftigen können. Wie gesagt: Dokumentation ist wichtig, aber wir müssen dafür sorgen, dass wir dafür neue Lösungen finden.

Die Erwartungen an den Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes in der Bevölkerung sind traditionell hoch, aber: Welche Erwartungen hat der Generaldirektor gegenüber seinen Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?
Die Erwartungen an den Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes sind zu Recht hoch. Immerhin hat seine Arbeit Auswirkungen auf alle Südtirolerinnen und Südtiroler. Die Erwartungshaltung an meine Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Führungskräfte ist die gleiche, die ich an mich selbst habe. Ich möchte meine Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erledigen und versuche dabei immer das große Ganze im Blick zu behalten und auch wenn Entscheidungen zu treffen sind, diese mit einem 360-Grad-Blick zu treffen. Denn jede Entscheidung und jedes Tun hat Auswirkungen auf andere – das sollte einem bewusst sein.

Führungskräfte und Führungsverantwortliche sollten immer ein offenes Ohr für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben und ihnen immer Bezugspunkt, Vorbild und Leuchtturm sein. Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erwarte ich, dass sie wissens- und lerndurstig bleiben, mitdenken und sich bewusst sind, dass jeder und jede wichtig ist und etwas für den Betrieb tun kann. Kurzum: In einer Organisation wie dem Südtiroler Sanitätsbetrieb braucht es alle – vom Portier über die Reinigungskraft, Verwaltungspersonal bis hin zu den Pflegekräften und Medizinern – damit es funktioniert und die Aufgaben erfüllt werden können. Eine Person allein ist nicht imstande, etwas weiterzubringen – auch nicht, wenn er Generaldirektor ist.
Letzten Endes geht es darum, dass mein und unser aller Handeln zum Wohle einer guten Gesundheitsversorgung und zum Wohle der Patientinnen und Patienten erfolgen muss. Wir als Sanitätsbetrieb müssen uns rund um den Patienten aufstellen, das Wohlergehen der Patientinnen und Patienten muss immer im Mittelpunkt unserer Bemühungen stehen.

Peter A. Seebacher