Wunderwerk Gehirn
Was hinter der Stirn eines Menschen vorgeht, bleibt normalerweise ein Mysterium. Nicht so für die Berufsgruppe der Neurophysiopathologie- Technikerinnen und -Techniker. Ein Berufsbild, welches im modernen Gesundheitswesen unverzichtbar ist.
Alessandra Ponta, Koordinatorin der Neurophysiopathologie-Technikerinnen und -Techniker, präzisiert: „Wir führen nicht nur EEGs – Elektroenzephalographien – zu Beurteilungen der Gehirnfunktionen durch, sondern auch Untersuchungen zu den evozierten Potenzialen oder Elektromyographien, Letztere zeigt die Funktion der Muskeln an. Durch Elektroneurographien wird die Beurteilung der sensorischen und motorischen Nerven durch elektrische Stimulation ermöglicht, z.B. für die Diagnose des Karpaltunnelsyndroms oder der Neuropathie. Aber ein wichtiger Bereich unserer Arbeit ist auch die Unterstützung der Neurochirurgen im Operationssaal, eine Tätigkeit, die wenigen bekannt ist.“
Dieses Berufsbild existiert im Südtiroler Sanitätsbetrieb seit 2011, auf dem gesamten Landesgebiet arbeiten 17 Technikerinnen und Techniker im landesweiten Dienst. Sie sind für die Diagnose der Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems und die dazugehörigen Diagnosetechniken zuständig. Durch die in Bozen am Landeskrankenhaus verortete Abteilung für Neurochirurgie ist der Großteil der Neurophysiopathologie-Technikerinnen und -Techniker dort tätig. Und es klingt wie ein Ausflug in eine unbekannte Welt, wenn Koordinatorin Ponta erzählt, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen beispielsweise Untersuchungen durchführen, um auf nicht-invasivem Wege zu sehen, welche Bereiche der Großhirnrinde für motorische Funktionen, aber auch für die Sprache und für das visuell-räumliche Denken zuständig sind. „Wir arbeiten auch mit der Abteilung für Neurorehabilitation im Krankenhaus Sterzing zusammen, um in einer Studie neurologische Spätfolgen zu Corona aufzuzeigen“, so Ponta. Aber auch die Diagnostik und Behandlung von Epilepsie und Multipler Sklerose wären ohne die Unterstützung der Neurophysiopathologie- Technikerinnen und -Techniker sehr viel schwieriger.
Ganz besonderes stolz ist man auch auf die Einrichtung des Schlaflabors im Krankenhaus Brixen, hier trifft Wissenschaft auf Tiefenentspannung: Die Patientin beziehungsweise der Patient wird im Schlaf minutiös durch die Polisomnographie digital in seiner Gehirn-, Atem- und Herztätigkeit überwacht, etwaige Abweichungen wie abrupte Bewegungen oder Atemaussetzer können so nachgewiesen und bei Bedarf behandelt werden.
EEGs sind im Normalfall für das Team der Technikerinnen und Techniker Routine, doch wenn es zum Beispiel um Kinder mit Störungen des Autismusspektrums geht, ist viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Kompetenz gefragt: „Wir arbeiten mit der Vereinigung ‚Il Cerchio – Der Kreis‘ zusammen und die meisten von uns verfügen mittlerweile über eine große Erfahrung im Umgang mit den betroffenen Kindern“, so Ponta.
Umfangreiche Schulungen und Weiterbildungen geben auch das nötige Rüstzeug, wenn die Technikerinnen und Techniker im Bereitschaftsdienst für die Bestätigung eines Todesfalls – mittels Messung der Gehirnströme – gerufen werden. Aber auch der Anfang des Lebens kann den Einsatz der Berufsgruppe erfordern: „Manchmal werden Babys geboren, die eine sehr geringe Körpertemperatur aufweisen. Diese kleinen Menschen mit Hypothermie müssen mit sehr viel Fingerspitzengefühl behandelt werden.“ Dies sei eine der besonders schönen Seiten dieses Berufes, denn man habe mit Patientinnen und Patienten jeden Alters zu tun.
Der Beruf als Neurophysiopathologie- Techniker ist einer von 18 Berufen, die in der Kammer der medizinischen Radiologietechnologen und der Gesundheitsberufe der Bereiche Sanitätstechnik, Rehabilitation und Prävention Bozen vertreten werden. Es handelt sich um ein universitär ausgebildetes Berufsbild.
Wer also gerne im Gesundheitswesen arbeiten möchte, IT-affin und interessiert an technologischen Untersuchungsmethoden ist, sollte die dreijährige Ausbildung ins Auge fassen. Weiterbildungen an spezialisierten Einrichtungen helfen, die Kenntnisse im sich ständig verändernden Bereich der Neurophysiopathologie auszubauen.
Infos dazu gibt es auf der Homepage der Berufskammer oder
direkt bei Koordinatorin Alessandra Ponta
Tel. 0471 438867
E-Mail: alessandra.ponta@sabes.it
Sabine Flarer
