Die Schattenseiten des Sommers

10.07.2024, 07:00

Lange Tage, Sonne, strahlend blauer Himmel, laue Nächte, kurze Hosen und T-Shirt – die Sommerzeit verspricht ein leichteres, lockereres Leben als die restlichen Jahreszeiten. Doch es gibt auch die andere Seite der Medaille, denn nicht alles, was der Sommer mit sich bringt, ist gut für uns.

„Sommer, Sonne, Sonnenschein, zieh' ich mir furchtbar gerne rein“ sangen die Deutsch-Rapper „Die Fantastischen Vier“ bereits 1992. Mittlerweile wissen wir, dass zu viel Sonne reinziehen überhaupt nicht gut und schon gar nicht gesund ist. Wer hat überhaupt diese Gleichung, gebräunt ist gleich gesund ist gleich attraktiv, populär gemacht? Immerhin galt blasse Haut für lange Zeit als nobel, gebräunte Haut hatten nur Angehörige der Arbeiterklasse, Bauern und Seeleute.

Der Legende nach war es die berühmte Modeschöpferin Coco Chanel (1883–1971), die dem Siegeszug der gebräunten Haut den Weg bahnte. Bei einem Bootsausflug an der Côte d’Azur Anfang der 1920er-Jahre hatte sie ihren schützenden Sonnenschirm vergessen. Sonne und reflektierendes Wasser taten ihr Übriges und so kehrte Chanel mit einem kräftigen Sonnenbrand an Land zurück. Wieder in Paris, hatte sich die Röte verzogen und gleichmäßiger Bräune Platz gemacht. „Ich sah aus, als wäre ich voller Energie“, stellte Chanel später fest und das gefiel ihr. Flugs heuerte sie für ihre nächste Modeschau zum ersten Mal in der Modegeschichte sonnengebräunte Models an. Damit war ein neuer Trend gesetzt, der bis heute anhält, wenngleich man über die Gefahren übermäßiger UV-Bestrahlung mittlerweile bestens Bescheid weiß.

Sonne und Gesundheit

Südtirol ist europaweit ein Landstrich, der im Verhältnis zur Bevölkerung eine der höchsten Hautkrebsquoten aufweist. Gründe dafür sind die Höhenlage des Landes, die starke Sonnenbestrahlung aber auch die Gewohnheiten von Herr und Frau Südtiroler, die gerne im Freien ihren Hobbys nachgehen. „Aber“, ordnet Klaus Eisendle, Primar der Abteilung Dermatologie am Landeskrankenhaus Bozen ein, „man muss auch berücksichtigen, dass wir in Südtirol eine hohe Lebenserwartung haben.

Mit steigendem Lebensalter nimmt die Wahrscheinlichkeit eines Melanoms zu.“

In Sachen Prävention hat Eisendle eine klare Meinung: „Die beste Vorbeugung gegen ein Melanom ist und bleibt die Primärvorsorge, sprich der Sonnenschutz. Nachweislich führt konsequenter Sonnenschutz zu einem geringeren Risiko, an Hautkrebs zu erkranken.“

Für die Sekundärprävention, sprich der jährlichen Hautkontrolle beim Dermatologen, sei bisher noch keine signifikante Reduzierung des Risikos festgestellt worden. Auch, weil Melanome sich oft in wenigen Wochen ausbilden würden. „Deshalb ist auch die Selbstkontrolle besonders wichtig“, so Eisendle, „wenn verdächtige Veränderungen bei Pigmentmalen festgestellt werden, sollte man dies abklären lassen. Aber bitte nicht falsch verstehen, Angehörige von Risikogruppen müssen sich natürlich regelmäßig einer Kontrolle unterziehen.“

Ein weiterer Effekt auf die Haut von viel Sonneneinstrahlung werde oft nicht bedacht, so Eisendle: „Wenn die Haut oft der Sonne ausgesetzt ist, fördert das die Bildung von Falten.“ Wer also länger jung aussehen möchte, sollte die Sonne eher meiden, so der Primar. Besonders geschützt gehören laut Eisendle Kinder, am besten gleich mit einem UV-strahlenabweisenden Langarmshirt oder zumindest mit einer Creme mit hohem UV-Schutz-Faktor. „Und Babys gehören schon mal gar nicht in die Sonne“, so Eisendle.

„Selbstkontrolle ist besonders wichtig und verdächtige Veränderungen bei Pigmentmalen sollte man immer unbedingt abklären lassen.“

Nicht nur gute Laune

Will man einem Sommer-Fan gründlich die Laune verderben, dann reicht mittlerweile ein Wort: Klimawandel. Die Prognosen zeichnen ein drastisches Bild für die zukünftigen Sommer in Europa und der Welt. So heißt es etwa im Anfang dieses Jahres erschienenen Bericht der Europäischen Umweltagentur mit dem Titel „Europäische Bewertung der Klimarisiken“: „Der vom Menschen verursachte Klimawandel wirkt sich auf den Planeten aus. 2023 war weltweit das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, und die globale Durchschnittstemperatur lag für den Zeitraum von zwölf Monaten, zwischen Februar 2023 und Januar 2024, um 1,5 Grad Celsius über den vorindustriellen Werten.
Auf dem europäischen Kontinent schreitet die Erwärmung rascher voran als auf den anderen Kontinenten. Extreme Hitzeereignisse, die früher relativ selten waren, treten immer häufiger auf und die Niederschlagsmuster ändern sich. Platzregen und andere Niederschlagsextreme nehmen an Schwere zu, was in den vergangenen Jahren in verschiedenen Regionen zu katastrophalen Überflutungen führte. Gleichzeitig ist in Südeuropa mit einem erheblichen Rückgang der Gesamtniederschlagsmenge und schwereren Dürren zu rechnen.“

Die europäischen Sommer der vergangenen Jahrzehnte mit lauen Sommernächten und erträglichen Tagestemperaturen weichen nun also Hitzesommern mit Tageshöchsttemperaturen um oder gar über 40 Grad Celsius, unterbrochen von sintflutartigen Regenfällen. Ein leichtes, lebenslustiges Sommergefühl will sich so nicht mehr recht einstellen.

Weiter heißt es im Bericht: „Extreme Hitzeereignisse, durch die ein großer Teil der Bevölkerung Hitzebelastung ausgesetzt wird, treten insbesondere in Süd- und Westeuropa immer häufiger auf. Trotz erheblicher Investitionen in Aktionspläne zum Gesundheitsschutz vor Hitze wurden in Europa im Rekordsommer 2022 zwischen 60.000 und 70.000 vorzeitige Todesfälle verzeichnet.“


Hitze und Psyche

„Tatsächlich ist es so, dass die Temperatur nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit dem Gehirn etwas macht“, bestätigt Andreas Conca, Primar der Abteilung Psychiatrie am Landeskrankenhaus Bozen. „Bei starken Schwankungen der Außentemperatur führen wir pro Tag beispielsweise bis zu neun Beratungsgespräche zusätzlich zum geplanten Ablauf durch.“

Dazu passt, dass eine 2021 veröffentlichte Meta-Analyse aufgezeigt hat, dass pro Temperaturanstieg um ein Grad Celsius ein 0,9 Prozent höheres Risiko für psychische Erkrankungen besteht. Das klingt in relativen Zahlen vielleicht nicht viel, aber für Südtirol würde das 500 psychische Erkrankungen mehr pro Jahr bedeuten. Die gleiche Studie bestätigt auch, dass, je heißer es ist, es zu verstärkten Aufnahmen in psychiatrische Kliniken kommt.

Conca vergleicht das mit einer Grippeerkrankung: „Bei Grippe erhöht sich nicht nur die Körpertemperatur, sondern auch jene des Gehirns. Mancher fühlt sich dann abgeschlagen, schläfrig, und so weiter. Ähnliches passiert, wenn die Hitze von außen auf das Gehirn einwirkt, vor allem, wenn es sich um bereits vulnerable Personen handelt.“

Seit einem Jahr führt die Abteilung Psychiatrie am Landeskrankenhaus Bozen deshalb genau Buch über die tägliche Außentemperatur, um etwaige Korrelationen wissenschaftlich aufzeigen zu können.

„Bei Hitze ist es nicht nur wichtig, dem Körper Ruhe zu gönnen, sondern auch Geist und Seele die Möglichkeit zu geben, „herunterzukommen.“ Im Sommer, so Conca, müssten Haut, Hirn und Herz besonders geschützt werden. Denn wer auf sich schaut, hat mehr vom Sommer.

Peter A. Seebacher

Das könnte Sie auch interessieren

TUT GUT

  • Sonnenschutz (Sonnencreme, Sonnenhut, Sonnenbrille, Sonnenschirm …
  • Leichte, luftige Kleidung
  • Viel Trinken (Wasser, ungesüßte Kräuter- und Früchtetees, Obstsaft- und Fruchtsaftschorlen)
  • Wohltemperierte Getränke
  • Sport im Freien (pralle Sonne und Mittagsstunden meiden)
  • Leichte Kost, viel Obst und Gemüse
  • Gut belüftete Räume
  • Körper und Geist die nötige Ruhe gönnen (Hitze ist für beides belastend!)
  • Soziale Kontakte

TUT NICHT GUT

  • Sonnenbaden ohne Sonnencreme und Sonnenbaden zwischen 11.00 und 15.00 Uhr
  • Hitzestauende Textilien
  • Alkoholische Getränke oder stark gezuckerte Getränke
  • Zu kalte Getränke
  • Sport im Freien bei überschrittener Ozonwarnschwelle
  • Fettige, schwer verdauliche Speisen
  • Zu kalt eingestellte Klimaanlage
  • Körper und Geist zusätzlich durch Stress belasten
  • Allein in der Wohnung sitzen