Individuell wahrnehmen und begleiten
Interview mit Rosmarie Oberhammer, Ärztin an der Abteilung Anästhesie und Intensivtherapie des Krankenhauses Bruneck und Gendermedizin- Expertin.
Wenn jemand sagt: Gendermedizin, noch so eine „woke“ Erfindung – was entgegnen Sie dieser Person?
Nein, Gendermedizin ist keine „woke“ Erfindung. Die Genderspezifische Medizin ist vor über 30 Jahren aus der Notwendigkeit heraus entstanden, auf medizinisch relevante Unterschiede zwischen Gruppen und initial vor allem zwischen Frauen und Männern hinzuweisen. Ziel der Gendermedizin ist es, sowohl in der Prävention wie auch in der Diagnostik und Therapie Unterschiede zu erforschen, um diese zu erkennen und dem einzelnen Individuum damit zu helfen – und letztlich auch Leben zu retten. Heute spricht man auch gern von der Medizin der Unterschiede, um sich von Gendersprache und -ideologien abzugrenzen, was überhaupt nicht Thema der Genderspezifischen Medizin ist. Diese weit verbreitete inhaltliche Nichtdifferenzierung hat vermutlich auch zu Ihrer Frage geführt.
Bernardine Healy, die als Mutter der Gendermedizin gesehen wird, hat den Begriff Yentl-Syndrom geprägt. War es in der weltbekannten Novelle die junge Frau, die nur als Jüngling verkleidet Theologie studieren durfte, musste die Frau mit einem akuten Herzinfarkt bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beweisen, dass sie einen akuten Herzinfarkt hatte, um gleich wie ein Mann behandelt zu werden. Viele Frauen starben völlig sinnlos an einem akuten Herzinfarkt, weil Sir Heberden 1768 die Angina pectoris als ein typisch männliches Leiden beschrieb, der akute Herzinfarkt als die typische Managerkrankheit bis fast zur Jahrtausendwende gesehen wurde, und bei der Frau mit Thoraxschmerzen ein akuter Herzinfarkt lange Zeit in die differenzialdiagnostischen Überlegungen nicht einbezogen wurde.
Der Begriff Gendermedizin ist mittlerweile etwas ungünstig und negativ behaftet, wie auch der Begriff „woke“. Daher gibt es Bestrebungen, lieber von einer Medizin der Unterschiede zu sprechen. Das „Istituto Superiore di Sanità“ hat sogar ein eigenes Logo entworfen. Es werden nicht nur Unterschiede zwischen Frauen und Männern, sondern zwischen vielen anderen Untergruppen thematisiert, die zum Teil kaum beachtet werden und sicher einem hohen Diskriminierungsrisiko ausgesetzt sind. Auch viele in Gesundheitsberufen Tätige wissen gar nicht so genau, was Gendermedizin ist. Der Begriff ist für viele mit Feminismus und Frauengesundheit assoziiert. Gendermedizin befasst sich aber nicht nur mit Frauen. Auch Männer profitieren längst von der Gendermedizin, denken wir nur an die Osteoporose oder an den Brustkrebs, der Männer genauso, wenn auch seltener, treffen kann. Gendermedizin hat der individualisierten Medizin erst den Weg gebahnt. Wer von uns würde das ablehnen?
Welche Rolle spielt Gendermedizin im Südtiroler Sanitätsbetrieb?
Viele Erkenntnisse aus der Gendermedizin sind längst in den Arbeitsalltag eingeflossen. Manchen ist das nur nicht bewusst. Einige internationale Leitlinien haben Unterschiede zwischen Gruppen, seien dies Frauen und Männer oder Asiaten, Kaukasier, Afroamerikaner, Latinos etc. längst berücksichtigt. Für die EKG-Interpretation eines ST-Hebungsinfarktes gibt es z.B. differenzierte Diagnosekriterien für Frauen und Männer, und im Labor werden seit Jahren unterschiedliche Grenzwerte für z.B. herzspezifische Enzyme, Hämoglobinwerte etc. verwendet. Für diagnostische und therapeutische Überlegungen kann dies relevant sein. Die Gendermedizin ist im Gleichstellungsplan des Landes Südtirol verankert, und alle öffentlichen Institutionen haben sich zur Umsetzung desselben verpflichtet. Diese Vorgaben gilt es umzusetzen. So sind bei allen Fortbildungen gendermedizinische Aspekte zu beachten. Auch in der Forschung sind die verschiedenen gesetzlichen Vorgaben zu berücksichtigen. Gendermedizin ist aus dem Sanitätsbetrieb nicht mehr wegzudenken.
Welche Gendermedizin- Projekte gibt es innerhalb des Betriebes? Wir sind dabei, zusammen mit der Arbeitsgruppe Gender Health – Gender Medicine, in der Mitglieder von Berufsverbänden, sozialen Organisationen und dem Landesbeirat für Chancengleichheit vertreten sind, unter Führung der Referentin für Gendermedizin im Ressort für Gesundheitsordnung, den nationalen Plan für die Anwendung und Verbreitung der Gendermedizin schrittweise im Land und im Betrieb umzusetzen. Im Betrieb wird derzeit vor allem im Bereich Fortbildungen versucht, die Vorgaben umzusetzen. Hier gibt es noch Verbesserungspotenzial. Der vorgesehene Gleichstellungsplan im Betrieb wurde bereits von einer engagierten Gruppe an Mitarbeitenden ausgearbeitet.
Welche Gendermedizin- Projekte gibt es innerhalb des Betriebes?
Wir sind dabei, zusammen mit der Arbeitsgruppe Gender Health – Gender Medicine, in der Mitglieder von Berufsverbänden, sozialen Organisationen und dem Landesbeirat für Chancengleichheit vertreten sind, unter Führung der Referentin für Gendermedizin im Ressort für Gesundheitsordnung, den nationalen Plan für die Anwendung und Verbreitung der Gendermedizin schrittweise im Land und im Betrieb umzusetzen. Im Betrieb wird derzeit vor allem im Bereich Fortbildungen versucht, die Vorgaben umzusetzen. Hier gibt es noch Verbesserungspotenzial. Der vorgesehene Gleichstellungsplan im Betrieb wurde bereits von einer engagierten Gruppe an Mitarbeitenden ausgearbeitet.
Welchen Effekt kann KI auf die Gendermedizin haben?
Die Künstliche Intelligenz kann nur dann optimal genutzt werden, wenn die Daten, auf deren Basis sie arbeitet, möglichst gut und ausgewogen sind. Werden bei der Datensammlung Daten vor allem von einzelnen Untergruppen – etwa von männlichen Patienten - eingespielt, kann es bei der KI-unterstützten Diagnosefindung und Therapieempfehlungen zu falschen Ergebnissen kommen. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass sich bestimmte Erkrankungen, wie der akute Herzinfarkt und die Depression bei Frauen und Männern anders präsentieren können. Es zeigen sich nicht nur Krankheiten mitunter anders, es können die Ursachen andere sein und die Therapie wird idealerweise an die einzelne Person und deren Besonderheiten angepasst. Um die vielen Variablen zu berücksichtigen, die in der Medizin relevant sind, kann die Künstliche Intelligenz sehr hilfreich sein. Wenn wir die Künstliche Intelligenz optimal nutzen wollen, dann müssen wir genderspezifische Aspekte bereits in der Entwicklungsphase berücksichtigen.
Könnte KI auch negative Auswirkungen auf die Gendermedizin haben?
Nein. Vielmehr kann eine Nichtbeachtung von gendermedizinischen Aspekten bei der Entwicklung von KI-unterstützten Programmen negativste Auswirkungen auf Patientinnen und Patienten und die Medizin im Allgemeinen haben. Gerade aufgrund dieser Erkenntnisse haben wir dieses Thema für das diesjährige Symposium gewählt. Es gilt jetzt Erkenntnisse aus der Medizin der Unterschiede, sprich Gendermedizin, in die Nutzung der KI in der Medizin einzuarbeiten.
Wie sehen Sie die Zukunft der Gendermedizin, wird das Bewusstsein dafür die Medizin durchdringen?
Ja. Die Medizin der Unterschiede wird irgendwann nicht mehr isoliert wahrgenommen werden, sondern integraler Bestandteil einer Medizin sein, die den Menschen mit all seinen Variablen im Zentrum sieht, und ihn individuell wahrnehmen und begleiten kann.
Peter A. Seebacher