Welche Rolle spielt die Ernährung bei Allergien?
Michael Kob, Primar des Dienstes für Diätetik und klinische Ernährung am Krankenhaus Bozen, erklärt, dass es auch auf die Zubereitung ankommt:
„Durch die Hitzebehandlung von Lebensmitteln, etwa Kochen, können allergene Bestandteile in Lebensmitteln zerstört werden, sodass diese verträglicher werden, beispielsweise gekochte Karotten oder Apfelmus. Zudem enthalten manche alten Obst- oder Gemüsesorten weniger allergene Proteine, zum Beispiel ältere Apfelsorten wie Boskoop.“
Man hört immer öfter auch von Neurodermitis oder Hautekzemen oder anderen Hauterkrankungen, aber auch von Allergien oder Unverträglichkeiten auf bestimmte Lebensmittel. Welche Rolle spielt dabei die Ernährung?
Einige Lebensmittel können bei Menschen mit Neurodermitis Symptome auslösen oder verschlimmern, insbesondere wenn eine Nahrungsmittelallergie oder -unverträglichkeit vorliegt. Häufige Auslöser sind Milchprodukte, Eier, Nüsse oder Fisch. Individuelle Auslöser sollten deshalb identifiziert, beispielsweise durch Führen eines Ernährungstagebuches, und vermieden werden.
Heutzutage ist es in bestimmten Kreisen „modern“, sich gluten oder laktosefrei zu ernähren, welche Vor- und Nachteile sehen Sie hierbei für Menschen, die nicht unter einer „echten“ Unverträglichkeit leiden? Gehen Eltern ein Risiko ein, wenn sie ihre Kinder präventiv gluten- oder laktosefrei ernähren?
Das Vermeiden von Gluten oder Laktose macht überhaupt keinen Sinn, sofern keine spezifischen Allergien oder Unverträglichkeiten vorliegen. Insbesondere glutenfreie Ersatzprodukte sind häufiger ungesünder als die „originalen“ Nahrungsmittel, etwa Brot, da sie meist fettreicher sind und zahlreiche Zusatzstoffe, beispielsweise Bindemittel, enthalten. Bei einer laktosefreien Ernährung sollten unbedingt vermehrt kalziumreiche Nahrungsmittel verzehrt werden, da in Europa Milch und Milchprodukte eine wichtige Kalziumquelle darstellen. Laktosefreie Milch und Milchprodukte oder mit Kalzium angereicherte Pflanzendrinks können eine Alternative darstellen.
Vegetarische oder vegane Ernährung – auch für Kinder?
Vegetarische beziehungsweise vegane Ernährungsformen können in jedem Alter – auch im Kindesalter – gesund und ausgewogen sein, sofern sie sorgfältig geplant werden, um alle notwendigen Nährstoffe bereitzustellen. Eine rein pflanzliche Ernährung ist reich an Antioxidantien, sekundären Pflanzenstoffen und Ballaststoffen, welche entzündungshemmend wirken können und das Immunsystem positiv beeinflussen können. Es gibt einige Studien, die darauf hinweisen, dass Kinder, die sich überwiegend pflanzlich ernähren, ein geringeres Risiko für allergische Erkrankungen wie Asthma, atopische Dermatitis und allergische Rhinitis haben können.
Ausgelaugte Boden, Rückstande, Inhaltsstoffe – ist unsere Ernährung heute noch gesund? War es früher besser?
Es scheint tatsächlich so, dass ausgelaugte Böden in der modernen Landwirtschaft mit Monokulturen und intensivem Düngemittel- Einsatz zu einer Verminderung von bestimmten Nährstoffen – zum Beispiel Magnesium und Zink – in Obst, Gemüse und Getreide geführt haben. Andrerseits ist der Einsatz von synthetischen Chemikalien in der Landwirtschaft viel strenger reguliert als früher. Ob diese Veränderungen negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben können, ist heute noch nicht eindeutig bewiesen.
Stimmt es, dass Allergien generell zugenommen haben und worin sehen Sie den Grund?
Allergien haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen, vor allem in industrialisierten Ländern. Die Gründe sind vielfältig und komplex, ein geringerer Kontakt mit Mikroben durch die zunehmenden Hygienestandards scheint eine Rolle zu spielen, ebenso wie der häufige Einsatz von Antibiotika und Desinfektionsmitteln. Durch die zunehmende Luftverschmutzung durch Feinstaub und Abgase werden die Atemwege gereizt und die Empfindlichkeit gegenüber Allergenen erhöht. Auch der Klimawandel spielt eine Rolle, durch höhere Temperaturen und längere Vegetationsperioden kommt es zu einer stärkeren und länger dauernden Pollenbelastung, was das Risiko für Heuschnupfen erhöht.
Welcher Mensch ist ein Risikopatient, um eine Allergie zu entwickeln?
Im Prinzip kann jeder Mensch in jedem Alter eine Allergie entwickeln. Es gibt aber große Unterschiede, was das Risiko betrifft, vererbliche Faktoren spielen dabei eine wesentliche Rolle, aber auch umweltbedingte und lebensstilbezogene Komponenten sind von Bedeutung. So scheint der Zeitpunkt der Einführung von Nahrungsmitteln im Kindesalter eine wichtige Rolle für das Allergierisiko zu haben. Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die frühe Einführung bestimmter Lebensmittel – etwa zwischen vier und sechs Monaten – das Risiko von Nahrungsmittelallergien verringern kann, während eine verspätete Einführung das Risiko erhöhen könnte. Dies betrifft vor allem potenziell allergene Lebensmittel wie Erdnüsse, Eier und Milch.
Wo sehen Sie wissenschaftlich das größte Potenzial im medizinischen Fortschritt?
Derzeit werden verschiedene Ansätze erforscht, um die Prävention und Behandlung von Allergien zu verbessern. Insbesondere Immuntherapien und Biologika scheinen bei bestimmten Erkrankungen wirksam zu sein. Auch Impfungen, welche zur Allergievorbeugung verabreicht werden, scheinen vielversprechend zu sein. Weitere potenzielle Möglichkeiten sind die verbesserte Früherkennung von Allergien, die gezielte Modifizierung der Mikrobiota, der so genannten Darmflora, durch spezifische Probiotika oder auch die Züchtung von allergenarmen Nahrungsmitteln.
Sabine Flarer