Lass uns darüber sprechen
Im Südtiroler Sanitätsbetrieb arbeiten Menschen aus rund 40 verschiedenen Ländern und der eine oder die andere muss eine der beiden Landessprachen – oder gar beide – erst erlernen. Wie schaffen sie das? Und was tut der Sanitätsbetrieb dafür?
„Eine andere Sprache ist eine andere Sichtweise auf das Leben“ – dieses Zitat wird Federico Fellini zugeschrieben (Original: Una lingua diversa è una diversa visione della vita). Der bekannte italienische Regisseur und Oscar-Preisträger, der während seiner Karriere mit internationalen Stars arbeitete, sprach dabei wohl aus Erfahrung. Und es ist tatsächlich so: Jede Sprache hat Wörter, die es in anderen Sprachen nicht gibt, die nicht übersetzbar sind. Und die – oft auch ziemlich entlarvend – die besondere Sichtweise dieser Nation oder Sprachgruppe erahnen lassen. Im Deutschen sind das etwa Wörter wie Kummerspeck, Schnapsidee, Torschlusspanik oder Weltschmerz. Eine andere Sprache bedeutet aber auch eine andere Kultur, die damit zusammenhängt. Erst die Sprache macht eine Kultur umfassend begreifbar. Und umgekehrt werden auch innerhalb einer Sprachgruppe die kulturellen Unterschiede anhand der unterschiedlichen Begriffe für Dinge sichtbar. Man denke nur an das britische und amerikanische Englisch, wo die gleichen Wörter im Laufe der Zeit unterschiedliche Bedeutungen erlangt haben.
Der Südtiroler Sanitätsbetrieb mit seinen rund 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist quasi ein sprachlicher Schmelztiegel, in dem Menschen aus rund 40 Staaten zusammenarbeiten. Dabei reichen die Herkunftsstaaten von Deutschland, Peru, Rumänien über Brasilien und Kolumbien bis hin zu Kenia und Eritrea.
Um in Südtirol im öffentlichen Dienst längerfristig beschäftigt sein zu können, muss die Zweisprachigkeitsprüfung abgelegt werden. Dazu gehört auch der Südtiroler Sanitätsbetrieb. Oft ist es so, dass die Sprachkenntnis in einer der beiden benötigten Sprachen – Deutsch und Italienisch (bei der Dreisprachigkeitsprüfung kommt noch Ladinisch dazu) – bereits vorhanden ist. Es kommt aber auch vor, dass Kenntnisse beider Sprachen erst erworben werden müssen.
Der Führung des Südtiroler Gesundheitsbetriebes ist bewusst, dass der Erwerb einer Zweitsprache – oder gar einer Drittsprache – für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im täglichen Arbeitsablauf eingebunden sind, nicht leicht ist. Deshalb wurden und werden verschiedene Maßnahmen gesetzt, um den Spracherwerb für die Mitarbeitenden zu erleichtern.
Die Teilnahme an den internen Kursen ist kostenfrei und die Kursstunden werden als Arbeitszeit anerkannt.
„Wir haben ein Projekt für den Spracherwerb im Südtiroler Sanitätsbetrieb entworfen“, berichtet Katrin Tartarotti, Linguistin und Mitarbeiterin der Abteilung Personalentwicklung, „um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusätzlich zu unterstützen. Die Umsetzung ist voll im Gange.
Im März und April haben zum Beispiel 21 interne Sprachkurse begonnen, und zwar sowohl in deutscher als auch in italienischer Sprache. Die nächsten Kurse sind bereits geplant und werden im Juli und im Oktober angeboten. Die Teilnahme an den internen Kursen ist kostenfrei und die Kursstunden werden als Arbeitszeit anerkannt.“
Die Kurse stehen all jenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Sanitätsbetriebes offen, die mit einem befristeten Arbeitsverhältnis im Gesundheitsbereich tätig sind und die den Zweisprachigkeitsnachweis noch nicht erreicht haben. Eventuelle freie Plätze sind für Sanitätsbedienstete verfügbar, die das Zertifikat bereits besitzen und das Niveau aufrechterhalten wollen. Die Anmeldung für die Kurse kann bequem über das Weiterbildungsportal www.ecmbz.it vorgenommen werden.
Das Niveau der geplanten – und bereits umgesetzten – internen Sprachkurse reicht von A1 bis C1 und es gibt sowohl Kurse in Präsenz als auch online. Inhaltlich geht es auch um lokale Kultur und Sprache, Lernstrategien und nicht zuletzt um die Vorbereitung auf das jeweilige Sprachzertifikat. Bei der Erweiterung des Wortschatzes liegt der Fokus auf Begriffen aus Medizin und Pflege. Bei der Lehrmethode wird Wert auf Praxisbezug und Interaktion gelegt. Anhand eines Einstufungstests vor Kursbeginn wird das Sprachniveau ermittelt und am Ende des Kurses gibt es einen Abschlusstest. Zusätzlich werden auch international anerkannte Sprachprüfungen zu berufsrelevanten Themen angeboten. Neben den verschiedenen Sprachprojekten bietet der Südtiroler Sanitätsbetrieb auch eine individuelle Sprachlernberatung an. Interessierte können über die E-Mail-Adresse languages@sabes.it Kontakt aufnehmen.
Auch von einem Sprachaufenthalt können Interessierte weiterhin profitieren. Der Südtiroler Sanitätsbetrieb fördert nämlich auch Sprachaufenthalte mit einer Mindestdauer von vier Wochen. So haben interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit, für die Dauer eines Monats in die jeweilige Sprachenwelt einzutauchen. Neudeutsch nennt sich das auch „full immersion“.
Ein weiteres Sprachen-Projekt des Sanitätsbetriebes ist das Sprachvolontariat. Dabei stellen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Gesprächspartner, als sogenannte Sprachgeber, zur Verfügung. Einmal pro Woche treffen sich dann Sprachgeber und Sprachnehmer – entweder online oder auch persönlich – und unterhalten sich eine Stunde lang. Der Sprachnehmer oder die Sprachnehmerin kann auf diese Weise ganz ungezwungen und spielerisch die neue Sprache praktizieren und die Sprachkenntnisse ausbauen. Aber auch die andere Seite profitiert von diesen Treffen, wie Sabine Flarer, Mitarbeiterin in der Abteilung Kommunikation des Sanitätsbetriebes und Sprachgeberin von Mihaela, erzählt: „Es tut gut, mal über den Tellerrand hinauszuschauen und ich freue mich jedes Mal darauf, wenn wir uns am Mittwochabend hören und über Kinder, Blumen oder ernste Themen wie die Wohnungssuche oder Südtirols Wettbewerbe reden.“
Die nächste Auflage des Sprachvolontariats ist für Herbst 2024 geplant.
Ihre Meinung ist willkommen! Vorschläge und Rückmeldungen zu den Sprachprojekten können unter diesem Link vollkommen anonym abgegeben werden!
Peter A. Seebacher
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