Schlaganfall erkennen: Warum jede Minute zählt

27.10.2026, 09:19

Rund drei Menschen erleiden in Südtirol täglich einen Schlaganfall. Zum Weltschlaganfalltag am 29. Oktober erklärt Dr. Giosuè Gulli, Primar der Neurologie im Gesundheitsbezirk Bozen, wie man die Warnzeichen erkennt, richtig handelt und warum bei der Behandlung jede Minute zählt.

Primar Dr. Giosuè Gulli: Jede Minute zählt (Foto: Sabes/SF)
Primar Dr. Giosuè Gulli: "Jede Minute zählt" (Foto: Sabes/SF)

Plötzlich hängt ein Mundwinkel herab, ein Arm wird schwach oder die Worte kommen nicht mehr richtig heraus. Was wie aus heiterem Himmel geschieht, ist ein medizinischer Notfall: ein Schlaganfall. Dabei wird ein Teil des Gehirns plötzlich nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt. Nervenzellen können dadurch innerhalb kurzer Zeit geschädigt werden – mit Folgen, die von vorübergehenden Ausfällen bis hin zu bleibenden Behinderungen reichen.   

„Je schneller es gelingt, die Durchblutung wiederherzustellen, desto größer sind die Chancen, Hirngewebe zu retten und bleibende Beeinträchtigungen zu reduzieren. Deshalb gilt der Grundsatz ‚Time is brain‘ – Zeit ist Gehirn“, erklärt Dr. Giosuè Gulli, Primar der Neurologie im Gesundheitsbezirk Bozen.

Damit die Behandlung rasch beginnen kann, müssen alle Schritte ineinandergreifen: von der Erkennung der Symptome und dem Notruf über die bildgebende Diagnostik bis zur neurologischen Beurteilung und zur Wahl der geeigneten Therapie.

„Im Südtiroler Sanitätsbetrieb arbeiten wir nach einem landesweit abgestimmten Versorgungspfad. Die Versorgung von Schlaganfallpatientinnen und -patienten hängt vom reibungslosen Zusammenspiel aller Beteiligten ab, nicht von einer einzelnen Abteilung“, betont Gulli. Je nach Art des Schlaganfalls und individueller Situation stehen unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Bei einem ischämischen Schlaganfall, der durch ein verschlossenes Blutgefäß verursacht wird, kann eine intravenöse Thrombolyse eingesetzt werden. Dabei soll ein Medikament das Blutgerinnsel auflösen. Bei geeigneten Patientinnen und Patienten kann zusätzlich oder alternativ eine mechanische Thrombektomie infrage kommen. Bei diesem Eingriff wird das Gerinnsel mithilfe eines Katheters aus dem betroffenen Gefäß entfernt.

Ein zentraler Bestandteil der Versorgung ist die „Stroke Unit“ an der Neurologie in Bozen. Dort betreut ein spezialisiertes Team die Patientinnen und Patienten engmaschig, überwacht ihre neurologischen und lebenswichtigen Funktionen, beugt Komplikationen vor und plant frühzeitig die Rehabilitation sowie Maßnahmen zur Vermeidung weiterer Schlaganfälle.  

Mit der Akutbehandlung ist die Versorgung nicht abgeschlossen. Eine frühzeitige, individuell abgestimmte Rehabilitation hilft, verlorene Fähigkeiten möglichst wiederzuerlangen und die Rückkehr in den Alltag zu unterstützen. Ebenso wichtig ist die Behandlung der Risikofaktoren, um weiteren Schlaganfällen vorzubeugen.

Entscheidend ist, die Warnzeichen zu kennen und richtig einzuordnen. Für Gulli ist vor allem ein Wort wichtig: plötzlich. „Plötzlich auftretende Schwäche oder Gefühlsstörungen auf einer Körperseite, eine einseitige Gesichtslähmung oder ein asymmetrisches Gesicht, Sprach- oder Verständnisstörungen, Sehstörungen sowie ausgeprägte Gleichgewichts- oder Koordinationsstörungen können auf einen Schlaganfall hinweisen. Alle abrupt auftretenden neurologischen Ausfälle müssen ernst genommen werden“, erklärt Gulli.

Eine einfache Merkhilfe ist die FAST-Regel. Sie hilft, typische Warnzeichen rasch zu erkennen:

F - Face (Gesicht): Hängt ein Mundwinkel herab, wenn die Person lächelt?

A - Arms (Arme): Kann die Person beide Arme heben und oben halten?

S - Speech (Sprache): Ist die Sprache plötzlich undeutlich, unverständlich oder gestört?

T - Time (Zeit): Sofort die Notrufnummer 112 wählen – auch wenn die Symptome wieder verschwinden!

Nicht jeder Schlaganfall lässt sich verhindern. Dennoch ist es möglich, das persönliche Risiko deutlich zu senken. Zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren zählen Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, erhöhte Cholesterinwerte, Vorhofflimmern, Bewegungsmangel und Übergewicht. „Wer diese Werte regelmäßig kontrollieren lässt, nicht raucht, sich ausreichend bewegt, sich ausgewogen ernährt und verordnete Medikamente zuverlässig nimmt, kann das Schlaganfallrisiko deutlich senken“, erklärt Dr. Gulli.

„Wir arbeiten daran, den gesamten Versorgungspfad noch schneller und effizienter zu gestalten. Doch auch jede und jeder Einzelne kann einen wichtigen Beitrag leisten: Durch gezielte Vorbeugung lässt sich das Schlaganfallrisiko senken, und rasches Handeln im Notfall kann die Chancen auf eine gute Erholung verbessern“, betont Primar Gulli.

Der Südtiroler Sanitätsbetrieb erzielt in der Schlaganfallversorgung sehr gute Ergebnisse. Laut dem „Programma Nazionale Esiti“ (PNE) 2025 von AGENAS lag die 30-Tage-Sterblichkeit nach einem ischämischen Schlaganfall in Südtirol im Datenjahr 2024 bei rund sechs Prozent – gegenüber einem nationalen Median von 8,4 Prozent. Auch das ANGELS-Monitoring liefert Hinweise auf eine schnelle Akutversorgung: Bei den ausgewerteten Fällen betrug die Zeit zwischen der Ankunft im Krankenhaus und dem Beginn der intravenösen Thrombolyse höchstens 50 Minuten.

Informationen für die Medien:
Abteilung Kommunikation, Südtiroler Sanitätsbetrieb, Tel. 366 6982268

SF

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