Gesund arbeiten

27.10.2026, 11:00

Körper, Kopf und Team: Wie Beschäftigte im Gesundheitswesen mit einem anspruchsvollen Arbeitsalltag umgehen – und warum Gesundheit nicht nur Selbstfürsorge ist.

Marlis Fuchs, Krankenpflegerin auf der Chirurgie/Orthopädie Innichen (Foto: privat)
Marlis Fuchs, Krankenpflegerin auf der Chirurgie/Orthopädie Innichen (Foto: privat)

Wenn Marlis Fuchs, Krankenpflegerin auf der Chirurgie/Orthopädie Innichen, nach einer Nachtschicht nach Hause kommt, ist ihr Arbeitstag noch nicht ganz vorbei. Schlafen, wenn andere wach werden, und wach bleiben, wenn andere schlafen – seit rund 20 Jahren gehört Schichtarbeit zu ihrem Berufsleben.

Heute merkt die Krankenpflegerin allerdings: Manche Nächte steckt der Körper nicht mehr so leicht weg wie früher. „Eigentlich arbeite ich gerne nachts, da man in dieser Zeit weniger abgelenkt ist. Nachteilig ist natürlich, dass weniger Leute eingeteilt sind, bei Problemen oder Notfällen ist man sehr gefordert.“ Früher habe sie sich darüber keine Gedanken gemacht und oft bis zu vier Nächte hintereinander gearbeitet. Heute müsse sie stärker auf sich achten: „Nun merke ich, dass diese Schichten, je älter man wird, immer anstrengender werden.“

Was sich an ihrem Beispiel zeigt, gilt in unterschiedlicher Form für viele Beschäftigte im Gesundheitswesen: Belastbarkeit ist nicht selbstverständlich und verändert sich im Laufe des Berufslebens.

Am Vortag versucht Fuchs deshalb, früh schlafen zu gehen. Während der Nacht plant sie sich für die ruhigere Zeit zwischen ein und vier Uhr bewusst kleinere Aufgaben ein. Denn gerade dann fällt das Wachbleiben schwer.

Sabine Flarer

Wenn der Körper Grenzen setzt

v.l.n.r.: Physiotherapeutinnen Brigitte Tschenett und Mara Rainalter (Foto: privat)
v.l.n.r.: Physiotherapeutinnen Brigitte Tschenett und Mara Rainalter (Foto: privat)

Bewegung, körperliche Fitness und eine gute Technik spielen eine wichtige Rolle. Die beiden Physiotherapeutinnen Brigitte Tschenett und Mara Rainalter arbeiten im Krankenhaus Schlanders. Sie erleben täglich, welchen Unterschied regelmäßige Bewegung machen kann: „Manchmal gehen wir zu Patientinnen oder Patienten, die über 90 sind und denken uns vorab: ‚Oje, da werden wir diese Person jetzt sehr unterstützen müssen‘. Und dann stehen wir vor jemandem, der oder die sein Leben lang aktiv war, geturnt hat, regelmäßig ins Dorf gegangen ist – und die Mobilisation ist kein Problem.“

Umgekehrt erleben sie auch, wie sehr regelmäßige Bewegung die körperliche Belastbarkeit beeinflussen kann. 

Ihre Empfehlung für Beschäftigte im Gesundheitswesen: regelmäßig aktiv bleiben und möglichst Ausdauer- und Krafttraining kombinieren. Auch das in Kinaesthetics-Kursen vermittelte Wissen sollte im Arbeitsalltag regelmäßig aufgefrischt und angewendet werden. Dabei geht es darum, die vorhandenen Bewegungsmöglichkeiten von Patientinnen und Patienten einzubeziehen – und gleichzeitig die körperliche Belastung für die Beschäftigten zu reduzieren.

Eine weitere Regel klingt einfach, wird im hektischen Arbeitsalltag aber nicht immer beachtet: Nicht alles allein machen. „Auch wenn es oft allein schneller gehen würde – lasst euch helfen beim Heben von besonders schweren Patientinnen und Patienten, aber auch, wenn ihr es mit dementen oder aggressiven Menschen zu tun habt“, sagen die beiden Physiotherapeutinnen.

Dr. Salvatore Gioitta Iachino, Facharzt für Orthopädie im Gesundheitsbezirk Brixen (Foto: privat)
Dr. Salvatore Gioitta Iachino, Facharzt für Orthopädie im Gesundheitsbezirk Brixen (Foto: privat)

Doch auch die beste Technik schützt nicht vor jeder Belastung. Dr. Salvatore Gioitta Iachino, Facharzt für Orthopädie im Gesundheitsbezirk Brixen, kennt das aus eigener Erfahrung. Er verbringt beispielsweise viele Stunden im Operationssaal. Die körperliche Belastung entstehe nicht nur beim Heben und Tragen, erklärt er: „Oft geht es auch um das lange Verharren in einer Position, beispielsweise im Operationssaal. Aber auch der Stress bei schwierigen Einsätzen ist nicht zu unterschätzen.“

Sein Rat: Beschwerden nicht einfach ignorieren. „Ein ständiger Begleitschmerz ist nicht normal. Oftmals kann man bereits zu Beginn noch etwas ändern.“

Was ihm selbst nach einem langen Arbeitstag hilft? Etwas völlig anderes zu tun als im OP: spazieren gehen, sich bewegen, Dehnübungen machen, ausreichend schlafen und an die frische Luft gehen. Auch Ruhe- und Urlaubstage seien wichtig.  

Was nach Dienstschluss bleibt

Elisabeth Pirhofer, Pflegehelferin in der Notaufnahme im Krankenhaus Meran (Foto: privat)
Elisabeth Pirhofer, Pflegehelferin in der Notaufnahme im Krankenhaus Meran (Foto: privat)

Körperliche Belastungen lassen sich häufig leichter benennen. Schwieriger wird es, wenn eine Situation emotional nachwirkt.

Pflegehelferin Elisabeth Pirhofer arbeitet in der Notaufnahme im Krankenhaus Meran. Wenn Patientinnen oder Patienten verstorben sind, wird sie gerufen. Sie bringt die Verstorbenen in die Pathologie und assistiert am nächsten Tag bei der Freigabe des Leichnams. Auch das Ankleiden gehört zu ihren Aufgaben. Es sind Momente, die bedrücken können. Für den Umgang damit greift Pirhofer auf Erfahrungen aus ihrer früheren Arbeit im Altersheim, ihr Interesse an der Palliativversorgung und ihre Prana-Ausbildung zurück.

Entscheidend ist für sie vor allem eine klare Grenze zwischen Arbeit und Privatleben: „Wenn ich nach Hause gehe, lasse ich das Krankenhaus hinter mir.“ Eine Ausnahme gibt es: „Wenn es um verstorbene Babys geht, ersuche ich einen Kollegen, meinen Dienst zu übernehmen. Das berührt mich doch sehr.“

Auch Dr.in Julia Kompatscher, verantwortliche Ärztin der Landesintensivstation am Krankenhaus Bozen, kennt Situationen, in denen die eigenen Kräfte gefordert sind. Auf einer Intensivstation können medizinische Entscheidungen unmittelbar mit dem Leben eines Menschen verbunden sein.

Gleichzeitig verlangt der Arbeitsalltag körperlich wie mental höchste Aufmerksamkeit: „Wir versuchen stets mit Struktur an schwierige Situationen heranzugehen. Was uns ebenso hilft, sind Gespräche im Team.“

Als besonders herausfordernd hat Kompatscher die Corona-Zeit erlebt. Aber auch Situationen, in denen Kinder betroffen sind, können besonders nahegehen. Wenn sie merkt, dass eine Belastung nachwirkt, ist für sie Erholung wichtig – Sport oder ganz bewusst Ablenkung vom Arbeitsalltag.

Ein schwieriger Tag ist noch keine Krise

Nicht jedes belastende Erlebnis führt zu einer psychischen Krise. Aber manche Ereignisse lassen sich nicht einfach nach Dienstende abschütteln.

Eine besonders schwierige Erfahrung ist für viele Beschäftigte im Gesundheitswesen der Tod eines Menschen. Noch belastender kann es sein, wenn eine Patientin oder ein Patient sich das Leben nimmt. Dann kommen zur Trauer oder Betroffenheit oft Fragen hinzu, die sich nur schwer abschütteln lassen: Hätte ich etwas bemerken müssen? Hätte ich etwas anders machen können?

Dr.in Verena Stoll, Direktorin des Psychologischen Dienstes im Gesundheitsbezirk Brixen, kennt diese Reaktionen. Wichtig sei zunächst, zwischen einer schwierigen Situation und einer tatsächlichen Krise zu unterscheiden: „Ein schwieriger Tag ist noch keine Krise.“

Wenn ein Ereignis jedoch nicht mehr loslässt, sich Gedanken immer wieder aufdrängen oder sich das eigene Verhalten und Wohlbefinden deutlich verändern, sollte frühzeitig Unterstützung gesucht werden – möglichst bevor sich die Belastung verfestigt.

Psychische Belastung entsteht dabei nicht nur durch außergewöhnliche Ereignisse. Auch Dauerstress, hohe Verantwortung, Zeitdruck und die ständige Konfrontation mit Krankheit, Leid und Tod können auf Dauer an die Substanz gehen.

Manchmal helfen kleine, bewusst gesetzte Unterbrechungen: ein kurzer Moment des Innehaltens während eines schwierigen Arbeitstages, ein Gespräch mit einer vertrauten Person oder ein bewusstes Übergangsritual nach Dienstende. Ein Spaziergang, ein Kleidungswechsel oder ein paar Minuten Abstand können helfen, die Arbeit nicht unmittelbar mit nach Hause zu nehmen.

Reden hilft

Edith Amplatz, Krankenpflegerin der Hämatologie am Krankenhaus Bozen (Foto: SABES)
Edith Amplatz, Krankenpflegerin der Hämatologie am Krankenhaus Bozen (Foto: SABES)

Besonders wichtig ist für Stoll der Austausch im Team: „Das größte Risiko liegt oft nicht in der Belastung selbst, sondern im Schweigen darüber.“

Edith Amplatz, Krankenpflegerin der Hämatologie am Krankenhaus Bozen, kennt Situationen, die nach Dienstende nicht einfach in der Umkleide zurückbleiben. Sie sucht deshalb das Gespräch mit den Betroffenen und Begleitpersonen und versucht, Menschen auch in schwierigen Situationen mit einem klaren ethischen Kompass zu begleiten.

Nach besonders belastenden Einsätzen wird auch im Team gemeinsam reflektiert: „Was war erfolgreich, was ist weniger gut gelungen – Emotionen müssen ihren Raum haben.“

Für Amplatz gehört auch die Ruhe danach dazu. Manchmal bleibt sie noch eine Weile für sich oder macht bewusst etwas Erholsames.

Ein Team, in dem über schwierige Situationen gesprochen werden kann, ist damit nicht nur ein angenehmes Arbeitsumfeld, sondern ein wichtiger Schutzfaktor. Nachbesprechungen, verlässliche Pausen- und Übergabezeiten sowie Schulungen, die für Warnzeichen sensibilisieren, können dazu beitragen, dass Belastungen nicht bei einzelnen Personen hängen bleiben.

Und wer bei sich selbst Veränderungen bemerkt, sollte sie ernst nehmen und frühzeitig Hilfe suchen, so Stoll. Entscheidend sei, dass dies nicht als Zeichen von Schwäche verstanden werde.

Gesundheit wird auch im Dienstplan entschieden

Gesundes Arbeiten hängt allerdings nicht allein davon ab, wie gut einzelne Menschen mit Belastungen umgehen. Es wird auch dort gestaltet, wo Dienstpläne geschrieben, Pausen organisiert und Teams geführt werden. 

Pflegedirektorin Dr.in Marianne Siller sieht Führung deshalb als wesentlichen Teil der Gesundheitsförderung: „Wir schaffen Angebote, gleichzeitig müssen wir auch die Rahmenbedingungen im Arbeitsumfeld so gestalten, dass gesundes Arbeiten möglich ist.“ Damit verschiebt sich der Blick: Gesundheit ist nicht nur eine Frage individueller Selbstfürsorge. Auch Arbeitsorganisation, Führung und Zusammenarbeit beeinflussen, ob Menschen ihre Arbeit langfristig gesund ausüben können.

Ein Ansatz dafür ist die beziehungsbasierte Versorgung („Relationship Care“). Im Mittelpunkt stehen nicht nur einzelne Gesundheitsangebote, sondern auch die Beziehungen und die Zusammenarbeit im Arbeitsalltag. 

„Gesundheit entsteht nicht nur durch individuelle Maßnahmen, sondern auch durch gute Beziehungen, Zusammenarbeit und ein Arbeitsumfeld, in dem Menschen sich gesehen und unterstützt fühlen“, sagt Siller. Das 

Ziel: eine gesundheitsförderliche sowie personenund familienorientierte Umgebung. Denn zwischen der Zufriedenheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zufriedenen Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen besteht ein Zusammenhang – und das Arbeitsklima spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Gesundheit braucht gute Rahmenbedingungen

Auch der Dienst für Arbeitsmedizin unter der Leitung von Primar Dr. Stefano Murano sieht in der Prävention einen zentralen Ansatzpunkt. Entscheidend für das psychische und körperliche Wohlbefinden der Beschäftigten sei dabei nicht allein der individuelle Umgang mit Belastungen, sondern vor allem die Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Der Arbeitgeber trage eine wesentliche Verantwortung dafür, ein gesundheitsförderndes Arbeitsumfeld zu schaffen.

„Insbesondere bei anhaltendem Stress muss auch die Organisation der Arbeit in den Blick genommen werden. Das Wohlbefinden der Beschäftigten entsteht zu einem wesentlichen Teil dort, wo Arbeit organisiert wird. Dabei ist eine angemessene Personalausstattung ebenso wichtig wie angemessene Dienstpläne und klare Rollen.“

In die Gesundheit jener zu investieren, die sich um andere kümmern, bedeutet, gesündere Arbeitsumgebungen zu schaffen, die Motivation der Fachkräfte zu stärken und ihren Verbleib im Gesundheitswesen zu unterstützen.

Marianne Siller, Pflegedirektorin (Foto: privat)
Marianne Siller, Pflegedirektorin (Foto: privat)

Für Führungskräfte bedeutet das vor allem: hinschauen. „Führungskräfte müssen eine offene Fehler- und Lernkultur fördern, in der das Vertrauen besteht, ungesundes Verhalten anzusprechen und über Belastungen offen zu reden“, sagt Siller. 

Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen gehe, müsse frühzeitig wahrgenommen werden. Gleichzeitig sollten Führungskräfte auch die eigene Vorbildfunktion im Umgang mit Gesundheit ernst nehmen.

Nicht jede Belastung lässt sich vermeiden. Im Gesundheitswesen gehören Nachtdienste, schwierige Entscheidungen, Zeitdruck, Krankheit und Tod zum Arbeitsalltag. „Wir sind ständig bemüht, ein gutes Arbeitsklima und gesunde Arbeitsbedingungen zu schaffen“, sagt Siller. Gleichzeitig wisse man, dass dieses Ziel nie endgültig erreicht sei. „Entscheidend ist deshalb, aufmerksam zu bleiben, Überlastung frühzeitig wahrzunehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“

Gesund bleiben ist Teamarbeit

Gesund arbeiten heißt nicht, niemals an die eigenen Grenzen zu kommen. Es heißt, die eigenen Grenzen wahrzunehmen – und gemeinsam dafür zu sorgen, dass man nicht dauerhaft darüber hinausgehen muss.

Der Südtiroler Sanitätsbetrieb kann nicht jede Belastung verhindern. Aber er kann Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Beschäftigte ihre Arbeit langfristig gesund und mit Motivation ausüben können.

Nach 20 Jahren Nachtdienst weiß Marlis Fuchs, dass sich Belastbarkeit verändert. Heute plant sie ihre Nächte bewusster. Nicht weil sie ihren Beruf weniger gern macht, sondern weil sie gelernt hat, auf ihren Körper zu hören.

Kurz innehalten: Wie geht es mir eigentlich?

Manchmal lohnt es sich, im Arbeitsalltag kurz innezuhalten:

Habe ich heute eine echte Pause gemacht?

Habe ich ausreichend gegessen und getrunken?

Wie geht es meinem Körper?

Was nehme ich von der Arbeit mit nach Hause?

Gibt es etwas, bei dem ich merke: So kann es auf Dauer nicht weitergehen?