Studie: KI erkennt schwer fassbare Infarkt-Form früher

29.06.2026, 09:40

Eine Forschungsgruppe der Kardiologie am Krankenhaus Bozen liefert neue Hinweise darauf, wie Künstliche Intelligenz (KI) die Frühdiagnostik von Herzinfarkten verbessern kann.

v.l.n.r.: Dr. Patrick Engl, Dr. Matthias Unterhuber, Dr. Luca Donazzan, Primar Dr. Rainer Oberhollenzer (Foto: privat)
v.l.n.r.: Dr. Patrick Engl, Dr. Matthias Unterhuber, Dr. Luca Donazzan, Primar Dr. Rainer Oberhollenzer (Foto: privat)

Im Fokus der Studie stand eine besonders schwer zu identifizierende Variante des Herzinfarkts: der okklusive Myokardinfarkt (OMI). Dabei ist ein Herzkranzgefäß verschlossen, ohne dass im ersten EKG die typischen ST-Streckenhebungen eindeutig sichtbar sind.
Genau in dieser sensiblen frühen Phase zeigt die Studie einen entscheidenden Vorteil: KI kann bereits im ersten EKG Hinweise liefern, die auf einen solchen Infarkt hindeuten – noch bevor weiterführende Untersuchungen wie Bluttests oder bildgebende Verfahren vorliegen.

Wichtig bleibt dabei die Einordnung: In der klinischen Praxis werden solche Fälle durch umfassende Diagnostik – einschließlich ärztlicher Beurteilung, Verlaufskontrollen, Troponin- Messung und gegebenenfalls Koronarangiographie – zuverlässig erkannt. Die KI ersetzt diesen Prozess nicht, kann ihn jedoch sinnvoll ergänzen.

An der Untersuchung nahmen 1.490 Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom teil, deren erstes EKG keine ST-Streckenhebung zeigte. Die KI identifizierte einen okklusiven Myokardinfarkt in 84 Prozent der Fälle korrekt, mit einer Sensitivität von 77 Prozent und einer Spezifität von 99 Prozent. Damit übertraf sie die übliche Erstinterpretation des EKGs nach gängigen Standards.

Der entscheidende Mehrwert liegt im Zeitfaktor: Wird ein kritischer Befund früher vermutet, können weitere diagnostische Schritte und therapeutische Maßnahmen schneller eingeleitet werden – ein potenziell lebensrettender Vorteil.

Die Ergebnisse der Studie wurden auf einem internationalen Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in Lissabon vorgestellt, wo sie auf großes Interesse stießen. Die Studie entstand unter der Leitung von Dr. Matthias Unterhuber in Zusammenarbeit mit dem Team der Bozner Kardiologie unter Primar Dr. Rainer Oberhollenzer.

Die Arbeit zeigt, wie klinische Expertise, Forschung und technologische Innovation ineinandergreifen können. KI tritt dabei nicht als Ersatz für medizinisches Fachpersonal auf, sondern als unterstützendes Instrument – mit klarem Nutzen für die Patientinnen und Patienten.

Peter A. Seebacher