„Man muss die Patienten reden lassen“

29.06.2026, 08:50

Herrenfrisörin Dayana Rier ist seit 26 Jahren im Krankenhaus Bozen tätig. Zusammen mit zwei Kolleginnen, die die weiblichen Patienten versorgen, kümmert sie sich darum, dass bettlägerige Männer auch im Krankenhaus würdevoll aussehen. Doch sehr oft endet ihre Dienstleistung nicht mit dem Rasieren oder Haareschneiden.

Dayana Rier bei der Arbeit (Foto: Evelina Recla)
Dayana Rier bei der Arbeit (Foto: Evelina Recla)

Als Dayana Rier vor vielen Jahren im Salon ihrer Mutter zu arbeiten begann, wurde ihr schnell klar: Einen eigenen Salon wollte sie später nicht übernehmen – zumindest nicht mit Familie. Und so kam es, dass sie den elterlichen Salon nicht weiterführte, als ihr ein Bekannter, der als Herrenfriseur im Krankenhaus Bozen arbeitete und kurz vor der Pensionierung stand, von seiner Arbeit erzählte. Rier bewarb sich und wurde vom Südtiroler Sanitätsbetrieb angestellt, zu Beginn in Vollzeit, nunmehr in Teilzeit.

Ihr Wochenplan ist strikt getaktet: „Zweimal wöchentlich gehe ich auf die chirurgischen Abteilungen, einmal wöchentlich auf die Palliativstation – wer sonst noch meine Hilfe braucht, der piepst mich einfach an.“

Ihre Kunden sind vorrangig ältere Menschen, aber manchmal auch junge Männer, die etwa durch einen schweren Motorrad- oder Skiunfall länger ans Bett gefesselt sind. Die aus Seis stammende Friseurin greift zu Rasierpinsel und -klinge und sorgt wieder für ein gepflegtes Äußeres – bis zu 25 Mal am Tag. Auch die Haare werden geschnitten, falls es „mal wieder höchste Zeit ist“, aber auch kleine Korrekturen machen oftmals den Unterschied: „Da gibt es Patienten, die aufgrund einer Schädel- Operation für die OP rasiert wurden. Damit das Ganze danach wieder etwas ansprechender aussieht, schaue ich in solchen Fällen, dass ich die Frisur angleiche“, erklärt Rier.

Anfangs war es nicht einfach, mit so vielen schweren Erkrankungen umzugehen: „Mein Bekannter sagte mir: So, ich nehme dich jetzt für drei Monate jeden Tag auf die Intensivstation mit – dann siehst du, ob das die richtige Arbeit für dich ist oder nicht!“

Das Piepsen der vielen Geräte hörte sie noch lange Zeit, eigene Ängste musste sie auch überwinden lernen. Aber irgendwann gewöhne man sich daran, so Rier: „Und man wird auch ein wenig gelassener. Wenn meine Kinder heute Fieber haben oder jemand im Umkreis sich leicht verletzt – was soll’s, das wird wieder.“ Dankbarer sei sie ebenfalls geworden. Menschen, die über ihren Arbeitsalltag jammern, antwortet sie heute oft: „Seid froh, dass ihr arbeiten könnt!“

Schwierig sei es, wenn man mit lang aufgenommenen Patienten eine Art Freundschaft entwickle und sie dann versterben, das belaste natürlich. Aber zum Glück gibt es auch sehr viele schöne Erlebnisse: „Ein alter Mann war als sehr kratzbürstig bekannt und machte es dem Pflegepersonal nicht leicht. Ich war auf alles vorbereitet, dabei war er zu mir einfach nett. Er behauptete sogar, er würde nur ins Krankenhaus gehen, weil er zum Friseur wolle.“ 

Ein weiterer Patient ist ihr auch ans Herz gewachsen: „Er hatte Diabetes, einen offenen Fuß und schwebte sehr oft zwischen Leben und Tod. Da ich ihn immer wieder aufgesucht habe, entstand eine Freundschaft zwischen uns. Irgendwann entschied er sich für eine Fußamputation, seither kann er sein Leben wieder genießen. Ich sehe ihn oft, weil er im Nachbarort wohnt, und wir freuen uns heute beide, dass er nicht mehr in seiner Krankheit gefangen ist.“

Und welche Eigenschaften sollte eine Krankenhausfriseurin mitbringen?


„Verständnis und Geduld vor allem, aber auch einfach eine gute Portion Menschlichkeit. Auch wenn man es manchmal eilig hat – gerade Menschen, die längere Zeit ans Bett gefesselt sind, möchten reden, möchten erzählen. Da muss man die Patienten auch mal reden lassen.“

Sabine Flarer