Wo jedes Tier zählt
Wer sich dem Tierheim Sill im Schloß-Ried-Weg in Bozen nähert, hört zunächst Hundegebell. Beim Betreten des Gebäudes mischt sich das Gezwitscher eines Wellensittichs darunter. Schnell wird spürbar mit wie viel Engagement sich das Team hier um die anvertrauten Tiere kümmert.
An Arbeit mangelt es im Tierheim wahrlich nicht: Die Aufgaben reichen von der medizinischen Versorgung und Betreuung der Tiere über Einsätze bei Tiernotfällen im ganzen Land bis hin zur Suche nach einem passenden Zuhause für jedes einzelne Tier.
Geleitet wird das Tierheim, das eine Einrichtung des Südtiroler Sanitätsbetriebes ist, seit rund einem Jahr von Amtstierarzt Klaus Gunther Friedrich. Er achtet darauf, dass die gesetzlichen Bestimmungen zum Tierschutz eingehalten werden und setzt sich für das Tierwohl ein. „In meiner Arbeit ist mir wichtig, jedem Individuum – ganz gleich, ob Mensch oder Tier – mit Respekt zu begegnen“, erklärt Dr. Friedrich.
Diese Haltung bestimmt auch den Umgang im Tierheim: Jedes Tier wird als Lebewesen mit eigener Geschichte und individuellen Bedürfnissen wahrgenommen.
Der Arbeitstag der Tierpflegerinnen und Tierpfleger beginnt schon früh am Morgen mit der Reinigung der Unterkünfte und Fütterung der Tiere. Danach beschäftigen sie sich mit den Tieren, arbeiten mit ihnen und gehen mit den Hunden spazieren. Darüber hinaus übernehmen sie Verwaltungsarbeiten und beraten interessierte Besucherinnen und Besucher, die auf der Suche nach einem passenden Tier kommen. Zu einer erfolgreichen Vermittlung gehören ehrliche Information und das Bewusstsein, das ganze Leben für das Tier verantwortlich zu sein.
Für Einsätze im ganzen Land pflegt Dr. Friedrich ein breites Netzwerk. Er arbeitet mit den anderen Tierärzten und mit privaten Tierschutzvereinen zusammen. Sogenannte Tieraufseher, die früher landläufig als „Hundefänger“ bezeichnet wurden, werden dann aktiv, wenn verletzte Tiere geborgen werden müssen, wenn Hunde ausgesetzt oder über lange Zeit allein gelassen wurden. Tierschutzpolizisten beurteilen in problematischen Situationen unabhängig, ob das Wohl eines Tieres gefährdet ist.
Im Tierheim Sill befinden sich auch Behandlungsräume und ein Operationssaal. „Wir führen sogar minimalinvasive Eingriffe durch“, erzählt Dr. Friedrich. „Zu unseren wichtigsten Aufgaben gehört die Geburtenkontrolle bei freilebenden Katzen. In Südtirol gibt es zahlreiche Katzenkolonien und wir operieren über 1.000 Katzen im Jahr. Die Tiere werden eingefangen, untersucht, sterilisiert und anschließend wieder zurückgebracht. An der abgeschnittenen Ohrspitze ist schon von Weitem erkennbar, dass eine Katze bereits sterilisiert wurde.“ Das Tierheim kümmert sich auch um verletzte oder kranke herrenlose Tiere, bei Bedarf werden sie behandelt und operiert. Immer wieder werden auch Wildtiere ins Tierheim gebracht, erst kürzlich ein kranker Igel und ein geschwächtes Murmeltier.
Dabei kommt Dr. Friedrich seine langjährige Erfahrung mit Wildtieren als Zooveterinär zugute. Wer übrigens ein Wildtier in Not auffindet, sollte den Forstdienst benachrichtigen, der dann entscheidet, wohin das verletzte Tier gebracht werden soll.
Wie vielfältig die Arbeit im Tierheim ist, zeigt sich auch bei den betreuten Tieren. Derzeit sind rund 30 Hunde dort untergebracht. Einige lassen sich leicht vermitteln, andere kommen – aufgrund falscher Haltung, Vernachlässigung oder problematischer Vorerfahrungen – nur für erfahrene Hundehalterinnen und -halter in Frage. Die Tierpflegerinnen und Tierpfleger arbeiten gezielt an ihrem Verhalten, um ihre Chancen auf ein neues Zuhause zu verbessern. Auch ältere Hunde haben es schwer, weil viele Menschen sich eher ein junges Tier wünschen. Ähnlich ist die Situation bei den Katzen: Junge Kätzchen finden meist rasch Interessenten, ältere Tiere oder sehr scheue Tiere dagegen oft schwerer. Manche freilebenden Katzen können weitervermittelt werden, andere brauchen einen Ort mit viel Freiraum, etwa auf einem Bauernhof. Selbst bei exotischen Tieren ist das Tierheim gefordert. Ein Beispiel sind Wasserschildkröten, die ursprünglich als kleine Heimtiere gekauft wurden und später ausgesetzt werden.
Auf die Frage, was er sich für seine Schützlinge wünscht, antwortet Dr. Friedrich, ohne zu zögern:
„Mein größter Wunsch ist es, dass jedes Tier ein dauerhaftes und verantwortungsbewusstes Zuhause findet, in dem seine Bedürfnisse respektiert werden.“ Dieser Wunsch prägt auch die tägliche Arbeit im Tierheim Sill.
Vera Schindler
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Wohin mit dem Tier im Urlaub?
Passend zur bevorstehenden Urlaubszeit haben wir Dr. Friedrich diese Frage gestellt.
„Es gibt im Land verschiedene Tierpensionen, die man im Internet findet. Man kann auch hier im Tierheim Sill anrufen, um die Kontakte zu erfragen. Dabei ist es wichtig, den Hund schon einige Male vorher in die Pension zu bringen, damit er sich schon ein wenig einleben kann. Das Beste, aus meiner Sicht, ist natürlich den Hund mit in den Urlaub zu nehmen. Heute gibt es viele Möglichkeiten zusammen mit Hund zu verreisen und viele Hotels sind ‚pet friendly‘.
Wichtig bei Reisen ins Ausland ist es, frühzeitig mit dem Tierarzt zu besprechen, ob Impfungen notwendig sind und ob ein EU-Reisepass oder andere Papiere benötigt werden.“
Wer sich dafür interessiert, ein Tier aufzunehmen, kann sich direkt an das Tierheim Sill wenden. Einfach unter der Telefonnummer 0471 329 800 einen Termin vereinbaren und vorbeikommen, um die Tiere anzuschauen und sich vom Personal beraten zu lassen. Das Tierheim ist von Montag bis Freitag von 9.00 bis 12.00 Uhr und von 14.00 bis 16.00 telefonisch erreichbar.
Der Tierarzt des Papstes
Tierarzt Klaus Friedrich ist vor gut einem Jahr mit seiner Familie nach Südtirol gezogen. Zu ihr gehören seine Frau Marina, eine Biologin, die beiden Kinder, drei Katzen und Hündin Cresta. Als verantwortlicher Amtstierarzt leitet er das Tierheim Sill.
Dr. Friedrich stammt ursprünglich aus Würzburg. Er studierte Veterinärmedizin in München sowie in Italien, Südafrika und in den Niederlanden. Anschließend sammelte er umfangreiche Berufserfahrung als Zootierarzt – zunächst im Tierpark Hellabrunn in München und später viele Jahre als Veterinärdirektor im Zoologischen Garten in Rom.
Dass er in Rom auch der Tierarzt des Vertrauens von Papst Benedikt war, zählt für ihn zu den besonderen Höhepunkten seines Berufslebens. „Der Papst ließ mich regelmäßig in den Vatikan kommen, damit ich seine beiden Katzen Zorro und Contessina behandle“, erzählt Dr. Friedrich. Er und seine Frau erhielten zudem eine Privatführung durch den Vatikan. „Tiere sind oft ein Türöffner“, sagt Dr. Friedrich schmunzelnd.
Eine seiner Katzen ist ein Findelkind aus den Vatikanischen Gärten, das seine Frau mit der Flasche aufgezogen hat. „Die beiden Katzen von Papst Benedikt leben heute glücklich bei Gerardo, einem pensionierten Mitarbeiter von Radio Vatikan“, erzählt Dr. Friedrich.
Ein weiterer unvergesslicher Moment war für ihn, die Problembärin JJ4 aus dem Trentino beim Transport in die Wildtierauffangstation im Schwarzwald als Tierarzt zu begleiten. „Bären sind im Grunde sehr anpassungsfähige Tiere, und Gaia, wie JJ4 genannt wird, gewöhnt sich langsam an ihr neues Leben in dem riesigen Gehege. Die Tierpfleger vor Ort arbeiten intensiv mit ihr. Ich fahre hin und wieder dorthin, um zu sehen, wie es ihr geht.“


