Talent Pool: Interview mit Najada Sulcaj

15.10.2026, 10:00
Najada Sulcaj (Foto: Privat)
Najada Sulcaj (Foto: Privat)

Was war für Sie der ausschlaggebende Grund, sich für diesen intensiven, fast zweijährigen Lehrgang zu bewerben – und wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Nach meinem Medizinstudium in Ferrara habe ich in der Sanitätsdirektion der Gesundheitsbehörde vor Ort gearbeitet. Ich war damals überzeugt, dies sei der richtige Weg für mich. Berufliche und familiäre Bedürfnisse führten mich dann Ende 2018 nach Südtirol und in die Gesundheitsversorgung vor Ort: zuerst beim S.I.S.P. (Dienst für Hygiene und öffentliche Gesundheit), heute beim S.I.A.N. (Dienst für Hygiene der Lebensmittel und der Ernährung), wo ich seit Juni diesen Jahres Vizedirektorin bin. Der Talent Pool bot mir Gelegenheit, diese beiden Welten wieder zusammenzuführen: den Blick der Direktion und die Konkretheit der Praxis. Die Erwartungen? Übertroffen, wenn auch anders, als ich dachte. Ich bin auf der Suche nach Antworten in den Lehrgang gegangen und komme mit mehr Fragen heraus, aber diese sind nützlicher.

Ein zentrales Element war das Praktikum in einer fachfremden Abteilung. Welches Erlebnis dort hat Ihren Blick auf die tägliche Arbeit der anderen Berufsgruppen am stärksten verändert?

Mein Praktikum findet im Oktober in der Radiologie in Bruneck statt. Nachdem wir zwei Jahre lang über mentale Landkarten gesprochen haben, werde ich mir endlich die eines anderen Dienstes aus der Nähe ansehen: seine Rhythmen, seine Prioritäten, seine Dringlichkeiten. Als Präventionsärztin weiß ich, was vor der Krankheit passiert. Jetzt möchte ich verstehen, was passiert, wenn man nach ihr sucht.

Pflege, Ärzteschaft und Verwaltung saßen gemeinsam an einem Tisch. Bei welchem Thema haben Sie überrascht festgestellt, dass Sie eigentlich alle mit denselben Hürden kämpfen?

Eigentlich dachte ich, wir würden alle über die Bürokratie stöhnen – aber zu meiner großen Überraschung war unser gemeinsames Hauptthema plötzlich die Kommunikation. In einer Übung wurden wir gebeten, in der Runde eine sehr einfache Geschichte weiterzuerzählen, ein Märchen, das wir alle kannten. Am Ende hatte jeder etwas weggelassen, etwas hinzugefügt, anderen Details Gewicht verliehen, und die Geschichte war zu einer völlig anderen geworden. Wenn das bei einem Märchen passiert, stellen Sie sich vor, wie es mit den Informationen ist, die jeden Tag zwischen Pflege, Ärzteschaft und Verwaltung hin- und hergehen.

Wie hat sich Ihr ganz persönliches Bild davon, was eine „gute Führungskraft“ im Gesundheitswesen ausmacht, durch das Programm gewandelt?

Früher dachte ich, dass vor allem Kompetenz und Entscheidungsfähigkeit zählen. Heute setze ich den Respekt für die Menschen, mit denen wir arbeiten, an erste Stelle. Wir verbringen mehr Stunden am Arbeitsplatz als zu Hause: Wenn das Klima gut ist, arbeiten wir besser und leben besser. Dieses Klima entsteht nicht von selbst, jemand muss es jeden Tag aufbauen. Für mich ist das auch die Aufgabe der Führungskraft.

Gibt es eine konkrete Situation aus Ihrem Arbeitsalltag der letzten Monate (z. B. ein Konflikt oder ein schwieriges Gespräch), in der Sie das neue Werkzeug aus dem Lehrgang direkt erfolgreich anwenden konnten?

In den Rollenspielen des Kurses haben wir reale Probleme aus unserem Arbeitsalltag inszeniert. Jedes Mal war ich beeindruckt, wie viele verschiedene Nuancen bei demselben Fall zutage traten. Daraufhin habe ich mein Verhalten geändert. Früher habe ich meine Position oft hartnäckig verteidigt. Heute halte ich einen Moment inne und frage mich, wie mein Gegenüber die Dinge sieht und von welchem Standpunkt sie ausgeht. Das heißt nicht, ihr automatisch Recht zu geben. Aber es heißt, ihre „innere Landkarte“ zu verstehen. Nachdem ich es mehrmals ausprobiert habe, habe ich verstanden, dass oft zwei ehrliche Fragen ausreichen, um aus einem Kräftemessen ein konstruktives Gespräch zu machen.

Welche eigene Stärke haben Sie während der Module an sich selbst entdeckt oder weiterentwickelt, die Ihnen vorher gar nicht so bewusst war?

Ich habe entdeckt, dass ich eine Brücke sein kann: zwischen Sprachen, zwischen Kulturen, zwischen denen, die planen, und denen, die vor Ort arbeiten. Ich bin mit 19 Jahren aus Albanien gekommen und bin mehr als einmal in eine komplett andere Lebensrealität eingetaucht. In den Modulen ist mir bewusst geworden, dass das nicht einfach nur ein Teil meiner Lebensgeschichte ist, sondern eine echte Kompetenz.

In Ihrer Abschlussarbeit haben Sie sich intensiv mit eigenen Konzepten beschäftigt. Welche konkrete Idee daraus würden Sie am liebsten ab morgen bei uns im Betrieb umsetzen?

Das Thema meiner Abschlussarbeit wird das Konfliktmanagement sein. Ich möchte, dass es zu einer Grundkompetenz für diejenigen wird, die Personen koordinieren. Wie alle anderen Kompetenzen muss auch diese trainiert werden und nicht nur als „Notfalleingriff“ zum Einsatz kommen, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Besonderes Augenmerk möchte ich auf geschlechtsspezifische Unterschiede legen, die bei Konflikten stärker ins Gewicht fallen, als man zugibt.

Sie wurden von erfahrenen Führungskräften begleitet. Welcher Rat oder welcher Satz Ihres Mentors ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Ich arbeite mit einer Direktorin zusammen, die Dinge sieht, die sich andere nicht einmal vorstellen können, und das sage ich ihr oft. Jonathan Swift schrieb, dass Vision die Kunst ist, das Unsichtbare zu sehen. Das ist es, was ich für das strategische Management lernen möchte. Die andere Seite von guter Führung lerne ich in der Radiologie kennen – an der Seite eines Direktors, der die große Strategie jeden Tag ganz konkret in Dienstpläne, Patientenversorgung und Gerätemanagement übersetzt. Vorausschauen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Dinge morgen funktionieren: Ein guter Manager, glaube ich, muss beides können.

Berufsbegleitend zu lernen, ist eine enorme Leistung. Was war für Sie die größte Herausforderung in dieser Zeit und wie haben Sie sie gemeistert?

Die Zeit natürlich, und dieses Jahr noch mehr, da der neue Auftrag als Vizedirektorin mitten im Kurs hinzukam. Die 48-Stunden-Tage gibt es auch für mich leider nicht. Also musste ich jede Woche zwischen Arbeit, Familie und Lehrgang wählen, was ich sehr gut mache und wo "gut genug" reicht. Ich habe gelernt, dass auch ein Teil von Führen ist: Prioritäten ohne Schuldgefühle setzen.

Welchen Tipp würden Sie Kolleginnen oder Kollegen geben, die überlegen, sich für den nächsten Durchlauf des „Talent-Pools“ zu bewerben?

Bewerben Sie sich, aber gehen Sie neugierig hin. Mehr als zu kommandieren, lernt man dort zu beobachten: die Arbeit der anderen, ihre Gründe und ein bisschen auch sich selbst. Und warten Sie nicht auf den richtigen Moment, denn in unserem Job kommt dieser nie.

Bitte vervollständigen Sie die kurzen Statements:


Vor dem Lehrgang dachte ich, dass es bei Führung vor allem darum geht,…

...Recht behalten zu müssen.

Heute weiß ich, das Wichtigste ist…

...die Gründe der anderen zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen.

Damit aus Medizin, Pflege und Verwaltung ein richtig gutes Team wird, braucht es für mich vor allem...

...Respekt: für die Menschen und für die Arbeit, die von außen nicht sichtbar ist.

Auch wenn ich schon lange im Betrieb bin – mein größter Aha-Moment, bei dem ich wirklich noch etwas ganz Neues gelernt habe, war…

...zu entdecken, dass in ein und derselben Diskussion unterschiedliche Wahrheiten existieren können. Ich, die vor Ort arbeitet, habe gelernt, dass die Landkarte, die jeder im Kopf hat, nicht das Gebiet selbst ist.